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Carl Philipp Emanuel Bach und die E-Gitarre – Das Hamburger „Ensemble Resonanz“ in der Laeiszhalle

Was haben Carl Philipp Emanuel Bach und eine E-Gitarre gemeinsam? Genau: erst mal gar nichts. Wenn sich Musiker trauen, beides trotzdem zu kombinieren, nennt man das „Crossover“ – und die Gemeinsamkeit ist geschaffen. Gewagt, ja. Aber am Ende doch einleuchtend.

Ich bin Ende Januar auf Pressereise und wandle mit neun Kolleginnen und Kollegen auf den Spuren von – ja, eben von Carl Philipp Emanuel Bach, jenem großen Komponisten des 18. Jahrhunderts, den heute kaum jemand mehr kennt. Dabei sahen ihn die Zeitgenossen sogar als den „wahren Bach“ an; sein Vater Johann Sebastian war out. Im 19. Jahrhundert geriet wiederum er in Vergessenheit, und irgendwie hat sich bis vor Kurzem auch niemand um seine Wiederentdeckung gekümmert. Dieses Jahr jedoch feiert er seinen 300. Geburtstag, und dementsprechend wird er allerorten mit Fleiß aus der Mottenkiste geholt.

So auch vom „Ensemble Resonanz“ in Hamburg. Das Kammerorchester hat sich die Verbindung von alten Meistern und Komponisten der Gegenwart auf die Fahnen geschrieben. Artist in Residence ist seit September 2013 Tabea Zimmermann.

Hamburg ist unsere letzte Station, nachdem wir die anderen Lebens- und Wirkungsorte Bachs – Weimar, Leipzig, Frankfurt/Oder, Potsdam und Berlin – bereits abgeklappert haben. Hier in Hamburg war Carl Philipp mehr als 20 Jahre lang Musikdirektor und schuf entsprechend viele große geistliche Werke, aber auch Orchestersinfonien. Vier von diesen sechs „Hamburger Sinfonien“ hören wir nun in der Laeiszhalle – „bluesfantasie“ lautet der Konzerttitel –, und da geht es ganz schön zur Sache!

Die „Hamburger Sinfonien“ von C. P. E. Bach

Die Bach-Interpretation des „Ensemble Resonanz“ ist fantastisch; selbst wenn ich diese Musik vorher langweilig gefunden hätte (was nicht der Fall ist), würde mich das hier mit voller Wucht mitreißen. Die Musiker sind mit Enthusiasmus und unglaublicher Spielfreude bei der Sache; am meisten aber begeistert mich der Dirigent, Riccardo Minasi, der eigentlich mehr tanzt als dirigiert. Wenn einer dermaßen herumhampelt und mit dem ganzen Körper die musikalischen Vorgänge zum Ausdruck bringt, dann kann man ja kaum anders, als mit vollem Einsatz mitzuspielen!

Der andere Faktor ist aber natürlich auch die Musik selbst: Sie ist bunt, voller Überraschungen, dynamischer Veränderungen, plötzlicher Abbrüche und Stimmungswechsel. Jeder Takt ein neuer Affekt – genau das ist die „Empfindsamkeit“, für die C. P. E. Bach schon bei den Zeitgenossen steht. Wenn es ein Ensemble heute immer noch versteht, diese „Originalität“ (auch das ein Schlagwort aus Bachs Zeiten) zu transportieren, dann klingt jahrhundertealte Musik plötzlich modern.

Hämeenniemi: „Keskellä Blues“

Aber der Clou kommt ja erst noch: Die Sinfonien werden nämlich mit zwischengeschalteten Sätzen aus dem „Keskellä Blues“ für E-Gitarre und Streicher (2010) von Eero Hämeenniemi kombiniert. Man muss natürlich immer erst mal „umschalten“, wenn sich in die Orchesterklänge plötzlich dieser elektronische Sound mischt. Aber auf wundersame Weise ergänzen sich beide Stile auch irgendwie.

Der „Blues“ wird von der E-Gitarre (Kalle Kalima) angeführt; die Streicher bilden den Hintergrund, vor dem sich ihre wie improvisiert klingenden melodischen Linien durch den Raum schlängeln. Immer wieder wird ihr dabei aber auch die dominant hervortretende Solovioline gegenübergestellt. Vom Charakter her trägt das Stück seinem Titel in jeder Hinsicht Rechnung, und es ist ganz interessant zu beobachten, wie manche Musiker (nicht alle!) den Blues offensichtlich „fühlen“ können, sich richtiggehend hineinfallen lassen in die „coolen“ Ostinati und die sich aus dem Einsatz von „Blue Notes“ ergebenden Spannungen. Wie gesagt: Bach und die Sätze des „Blues“ wechseln sich ab, wobei die Streicher als Bindeglied fungieren, und gerade durch ihre Gegensätzlichkeit verleihen die Werke einander schärfere Konturen; so wird die erste Konzerthälfte zu einer überraschend plausiblen Einheit.

Ich würde allerdings nicht so weit gehen, kompositorische Parallelen zwischen Bach und dem „Blues“ sehen zu wollen (in dieser Hinsicht bin ich anderer Meinung als Tobias Rempe, der Geschäftsführer des Ensembles, mit dem ich mich vor dem Konzert unterhalten habe). Denn erstens ändern sich im „Blues“ nicht wie bei Bach von Takt zu Takt die Affekte, sondern eher von Satz zu Satz. Und zweitens lässt Bach in der Entwicklung des musikalischen Geschehens zwar hörbar seine Phantasie spielen, bleibt jedoch stets im Rahmen nachvollziehbarer Strukturen. Der „Blues“ hingegen scheint über weite Strecken auch ab und zu fast formlos wegzudriften.

Jan Dvořák: „Der Mensch als Pflanze“

Die zweite Konzerthalbzeit wird von einer Uraufführung bestimmt: dem Auftragswerk „Der Mensch als Pflanze“ für Gesang, Solovioline, E-Gitarre, Streichorchester und Basso continuo von Jan Dvořák, der hier auch dirigiert. Leider kann mich diese Komposition nicht hundertprozentig überzeugen. Sie ist eine Hommage an C. P. E. Bach, eine Art Chansonzyklus, bei der zusätzlich zum Ensemble die Chansonsängerin Lùisa mitwirkt.

Inhaltlich geht es um die philosophischen, genauer gesagt atheistischen Ideen des Mediziners La Mettrie, der zeitgleich mit C. P. E. Bach am Hof Friedrich des Großen weilte, ohne dort jedoch so ganz ernstgenommen zu werden. (Sein Gedankenkonstrukt in Kürze: Der Mensch besitzt keine Seele, sondern ist nicht mehr als die Summe komplexer Körperfunktionen; transzendente Prinzipien existieren nicht.)

Der Zyklus hat ein paar tolle Ecken (pfiffig zum Beispiel die Einbindung der Instrumentalisten als Chor), aber stilistisch ist er mir zu heterogen: Mal klingt das Ganze eben nach Chanson, dann wieder nach anspruchsvollster zeitgenössischer Musik, ab und an werden Direktzitate aus Werken anderer Komponisten eingeflochten. So richtig originell ist das nicht. Auch das Publikum, das kann man sehr genau spüren, ist nicht gerade überwältigt.

Richtig toll dagegen wieder: die Zugabe. Hier improvisiert Kalima mit seiner E-Gitarre über den langsamen Satz aus einer der Bach-Sinfonien – und die Synthese ist atemberaubend! Alt und Neu verschmelzen miteinander, als wären knapp 250 Jahre Abstand ein Klacks. Das „Crossover“-Konzept ist also insgesamt durchaus aufgegangen.

Übrigens: Kurz nach dem Konzert hat das „Ensemble Resonanz“ unter Minasi für das Label „Es-Dur“ in Kooperation mit „NDR Kultur“ alle Hamburger Sinfonien Bachs  eingespielt. Das Album soll im Oktober dieses Jahres erscheinen.

Autor:

juliahartel

Freie Journalistin, PR-Texterin und Lektorin - www.die-textkomponistin.de

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