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„Cello Duello“: Jens Peter Maintz und Wolfgang Emanuel Schmidt in Nürnberg

Die Halbwertszeit musikalischer Ensembles kann ja erstaunlich gering sein. Das Celloduo „Cello
Duello“, bestehend aus Jens Peter Maintz und Wolfgang Emanuel Schmidt, existiert hingegen seit
beachtlichen 23 Jahren. Anfang April höre ich die beiden in Nürnberg, nachdem ich sie – ein paar
Tage vorher – bereits am Telefon kennengelernt habe. Schon dieses Gespräch ist kurzweilig:
Während der eine mit mir redet, stimmt der andere im Hintergrund sein Cello, später läuft es
umgekehrt. Ich frage unter anderem nach dem Erfolgsrezept für ein so langes, fruchtbares
Zusammenwirken – und die beiden witzeln, selbiges bestünde wohl gerade in der
Unregelmäßigkeit ihrer künstlerischen Kooperationen …

Keine Rivalen
Das ist natürlich nicht ganz ernst gemeint; Maintz und Schmidt sind Freunde seit Studienzeiten. Bei
einem „Marathonkonzert“ eines gemeinsam besuchten Meisterkurses in Lübeck war die Idee der
Duobildung entstanden, und obwohl beide Musiker natürlich auch fleißig als Solisten unterwegs
sind, treten sie nach wie vor immer wieder und mit gleichbleibender Begeisterung zusammen auf.
2010 haben sie gar eine CD („Cello Duello“ – The Recital“, Solo Musica) veröffentlicht. Trotzdem sind
sie froh – und hierin besteht offenbar der wahre Kern ihrer Frotzelei –, dass sie „nicht 80 Konzerte
im Jahr spielen müssen“. „Wir können das Ganze auf einem gesunden Level halten“, beschreibt es
Jens Peter Maintz. „So geht uns der Spaß nicht verloren.“ Apropos Spaß: Der steckt auch im
Ensemblenamen. „Cello Duello“ soll nämlich keineswegs einen Konkurrenzgedanken oder ein
gegenseitiges Ausstechen suggerieren, sondern eher ein „künstlerisches Anspornen“. „Es gibt bei
uns kein Cello I und kein Cello II“, erklärt mir Schmidt, „sondern wir haben viele Werke so
bearbeitet, dass die Stimmführung immer wieder wechselt, teilweise von Takt zu Takt“. Von
Rivalität sei also gar keine Spur, aber „Duello“ reime sich halt so schön auf „Cello“ …

Ein bisschen „Show“
In Erwartung eines interessanten, wahrscheinlich sogar amüsanten Abends gehe ich dann also ein
paar Tage später ins Konzert – und werde nicht enttäuscht! (Schade, dass ich wieder einmal die
alleinige Vertreterin meiner Altersstufe zu sein scheine: einziger „Thirtysomething“ zwischen drei
Musikstudenten, die nächstälteren Besucher mindestens 20 Jahre vor mir geboren … Was ist da
eigentlich los im deutschen Konzertleben?!) Maintz und Schmidt bieten eine Art Querschnitt aus
ihrem Repertoire, das von der Barockzeit bis zur Gegenwart reicht. Los geht es mit einem Duett in
D-Dur von Haydn, ursprünglich komponiert für zwei Barytone: sehr gefällig, sehr klangvoll, das
Presto-Finale sehr virtuos. Dass die beiden Cellisten nicht erst seit gestern zusammen musizieren,
ist ihnen ebenso deutlich abzuspüren wie ihre Spielfreude. Und ein kleines bisschen „Show“
machen sie schon auch: In besagten Finalsatz haben sie die Kadenz zum ersten Satz des
Haydn´schen D-Dur-Cellokonzerts von Mstislaw Rostropowitsch eingebaut; diese spielen sie zuerst
abwechselnd, einander jeweils scheinbar herausfordernd bzw. kritisch beäugend, am Ende
gemeinsam. Derlei Spielchen wirken bei den beiden aber glücklicherweise nicht wie
Effekthascherei – dazu werden sie zu wohldosiert eingesetzt. Sehr sympathisch.

Ein bisschen schwere Kost
Als nächstes kommt eine Sonate für zwei Violoncelli von Jan Müller-Wieland. Bei der Komposition
handelt es sich, wie mir Jens Peter Maintz vorher verraten hat, um ein Auftragswerk von 1994, bei
seinem Schöpfer um einen seiner ehemaligen Schulkameraden aus Hamburger Zeiten. Müller-
Wielands Musik sei, meint Maintz, „zwar sehr intelligent gemacht“, komme aber „nicht zu
intellektuell“ rüber; sie sei „fassbar, emotional verfolgbar“, „nicht zu schwierig zu hören, aber
ziemlich schwer zu spielen“. Das mit der Fassbarkeit kann ich im Konzert nur bedingt
nachvollziehen. Keine Frage: Das Stück bietet einen reizvollen Kontrast zum sehr melodischen
Haydn und es beinhaltet ganz spannende Experimente mit Harmonien, Klangfarben und
Geräuschen. Aber so richtig innovativ kommt es mir nicht vor, und es vermag mich auch nicht
wirklich emotional zu berühren. Die anderen Zuhörer fühlen sich vielleicht eher von den
Dissonanzen, der nicht vorhandenen Eingängigkeit irritiert. Jedenfalls wird in manchen Ecken des
Saales schon so ein bisschen unwillig mit den dritten Zähnen geknirscht …

Wertvolles Holz
Dafür jetzt ein Ohrenschmeichler: Adrien-François Servais und seine „Caprice über Motive aus
Rossinis Oper ‚Le Compte Ory‘ op. 3“, arrangiert von Cello Duello – ein Cellotraum. Ein
Cellistentraum! Natürlich auch traumhaft fürs Publikum. Maintz und Schmidt haben beide einen
ganz wunderbaren Ton, und übrigens auch wunderbare Instrumente: Schmidt spielt ein Gofriller,
Maintz ein Ruggeri. Letzterer hat mir zwar am Telefon gesagt, er halte die Mythenbildung um die
alten Instrumente manchmal für etwas übertrieben, und es komme doch viel mehr auf die Spieler
an als auf die Celli, aber als ich das wertvolle Holz dann auf der Bühne sehe, überkommt mich doch
eine gewisse Ehrfurcht. Maintz ist der Auffassung, dass „dasselbe Instrument, von verschiedenen
Spielern gespielt, jeweils sehr anders klingen kann“. Das mag natürlich sein. Fest steht, dass man
durchaus klangliche Unterschiede zwischen ihnen wahrnehmen und auch mit geschlossenen
Augen feststellen kann (ja, ich teste es bewusst!), welches Instrument gerade führt. Ob sich der
Höreindruck verändern würde, wenn die beiden die Plätze tauschten? Das wäre doch wirklich ein
äußerst spannender Test …

Popper und Paganini
Ebenso gut wie der Servais kommt dann auch die zweite Konzerthälfte an, in der die „Suite op. 16“
von David Popper und die „Moses-Fantasie“ von Niccolò Paganini erklingen. Diese Fantasie, im
Original für Violine und Klavier, ist übrigens auch dasjenige Werk, das die beiden Cellisten vor 23
Jahren anlässlich des Meisterkurskonzertes für sich bearbeitet haben und das somit, Schmidt
zufolge, ihr „meistgespieltes Stück“ darstellt. Es handelt sich dabei um Variationen über Motive aus
Rossinis Oper „Mosé in Egitto“ – perfekt cellogeeignet und überaus abwechslungsreich! Gleiches
gilt für die Popper-Suite, in der mir ganz besonders positiv auffällt, wie sorgfältig Maintz und
Schmidt mit dynamischen Abstufungen umgehen. Gerade das „Largo espressivo“ macht seiner
Bezeichnung alle Ehre, während das „Marcia Finale“ vor allem eines ist: schwer! Entsprechend zieht
es dann hier und da auch mal ein bisschen in den luftigen Doppelgriffhöhen, aber ich will nicht
gemein sein – ich könnte das Zeug in 150 Jahren nicht spielen! Völlig zu Recht ertönen aus dem
Publikum Bravo-Rufe; „Brillant!“, juchzt meine beige gekleidete Sitznachbarin – und ich bin absolut
ihrer Meinung, auch wenn ich mich aufs Klatschen beschränke. Erst nach zwei Zugaben dürfen die
Musiker die Bühne endgültig verlassen.

„Splitted personality“
Und was bringt die Zukunft für „Cello Duello“? „Wir haben natürlich noch Ideen!“, versichert Jens
Peter Maintz. „Repertoire gibt es ja genug.“ Eine Einspielung der Popper-Suite sei beispielsweise
nicht ausgeschlossen. Und auf ein ganz bestimmtes Werk hat er mich besonders neugierig
gemacht: „Beim letzten Cello-Festival in Ruthesheim haben wir ein Doppelkonzert von Enjott
Schneider aus der Taufe gehoben: ‚Dr. Jekyll und Mr. Hyde‘. Es verarbeitet die Idee einer ‚splitted
personality‘, also der zwei Seiten einer Persönlichkeit. Das ist für ‚Cello Duello‘ natürlich wie
geschaffen: ein Instrument, zwei Charaktere.“ Ich hoffe doch, dass ich dieses Stück (übrigens für
zwei Celli und Streichorchester, ergänzt durch elektronische Einspielungen) mal irgendwo zu hören
bekomme! Aber wenn es mit „Cello Duello“ so harmonisch weiterläuft wie bisher, stehen die
Chancen dafür ja wahrscheinlich auch nicht schlecht.

Autor:

juliahartel

Freie Journalistin, PR-Texterin und Lektorin - www.die-textkomponistin.de

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