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Daniel Hope: The Romantic Violinist

Daniel Hope, The Romantic Violinist. CD-CoverThe Romantic Violinist – A Celebration of Joseph Joachim
Daniel Hope, Geige und Bratsche
Sakari Oramo mit dem Royal Stockholm Philharmonic Orchestra
Sebastian Knauer, Klavier
Anne-Sofie von Otter, Mezzo-Sopran
und Bengt Forsberg, Klavier

Deutsche Grammophon, DG-CD 477 9301
66:20 min

Der Lorbeer, das sei gleich zugegeben, liegt griffbereit bei einer Hommage an Joseph Joachim – den großen Violinisten, Dirigenten, Komponisten und Lehrer, dessen 180. Geburtstag am 28. Juni 2011 wahrscheinlich wieder viel zu tief in Vergessenheit versinken wird. Selbst Daniel Hopes Konzept-CD „The Romantic Violinst“, der Gegenstand dieser Rezension, erscheint im Jubiläumsjahr, ohne es mit einem Wort zu erwähnen. Nun gut, es zählt nicht zu den herausragenden Verdiensten eines Menschen, geboren worden zu sein – so sei´s drum, zumal Hopes „Celebration of Joseph Joachim“ auch als Geburtstags-Ständchen ein dem Anlass durchaus angemessenes Format entwickelt.

Und tatsächlich scheint Hope bei der Auswahl seines Programms mehr an den verehrten Meister gedacht zu haben als an das Publikum, das ja mit Aufnahmen der eigenen Werke Joachims nicht gerade überversorgt ist. Nur zwei Stücke auf der CD stellen den Komponisten Joseph Joachim vor, die Romanze op. 2 Nr. 1 für Geige und Klavier und das Notturno op. 12 für Geige und Orchester. Viel breiteren Raum nehmen dagegen diejenigen ein, in deren Arbeit der große Solist Spuren hinterlassen hat; es ist Hopes erklärtes Ziel, das romantische Beziehungsgeflecht erklingen zu lassen, in dem Joachim als ein vielseitig wirkender Künstler stand.

So eröffnet die CD mit Max Bruchs Violinkonzert Nr. 1, das für den immensen und von Hope im Booklet nochmals unterstrichenen Einfluss Joachims auf große Violinkompositionen seiner Epoche steht – und zugleich eine kluge Wahl ist, gehört das Konzert doch zu den unverwüstlichsten aller Lieblingsstücke; schon dem Komponisten selbst wurde der Erfolg des von Joseph Joachim redigierten, wenn nicht vollendeten Werkes durchaus zu viel. In der äußerst genussträchtigen Interpretation durch Hope und das von Sakari Oramo geleitete Royal Stockholm Philharmonic Orchestra wirkt es als Lokomotive, die den Hörer durch das ziemlich bunte Programm zieht – und gewiss auch manch eine CD über die Kasse befördern wird.

Ähnliches gilt für Antonín Dvořáks Humoresque op. 101 Nr. 7, die den Reigen in einem Arrangement für Geige und Orchester aus der Feder des Filmkomponisten Franz Waxman abschließt. Sie ist der Titel mit dem geringsten biographischen Rückhalt im Sinne des Konzepts, verglichen etwa mit Clara Schumanns Romanze für Violine und Klavier op. 22 Nr. 1, die Joachim gewidmet ist und von beiden mehrfach aufgeführt wurde. Aus der nach Joachims Lebensmotto „Frei aber einsam“ komponierten F-A-E-Sonate zitiert Hope das Scherzo von Johannes Brahms, dessen Ungarische Tänze Nr. 1 und 5 als weitere Belege der engen Zusammenarbeit mit dem aus dem ungarischen Kittsee stammenden Solisten dienen.

An Joachims Frau Amalie Schneeweiß erinnert Franz Schuberts „Auf dem Wasser zu singen“, das Hope in einem alten Konzertprogramm der Altistin fand und für Geige und Klavier einrichtete. Mit ihrem Namen ist auch die Stelle verbunden, an der die CD biographische Abgründe berührt, in Johannes Brahms „Geistlichem Wiegenlied“ op. 91 Nr. 2. Komponiert anlässlich der Geburt des ersten Kindes von Joachim und Schneeweiß, steht es für die schweren Turbulenzen, in die Joseph Joachims Eifersucht seine Ehe und den Freundeskreis brachte.

Ganz ohne Frage: in seiner Auswahl lässt das Programm Kompromisse erkennen, und die Motivation, ein unterhaltsames und marktfähiges Produkt zu entwerfen, demonstriert die hübsche, nach allen Regeln zeitgenössischer Typographie-, Foto- und Textkunst durchdesignte CD auf den ersten Blick. Warum aber auch nicht? Joseph Joachim war kein kleines Licht in der Musikwelt seiner Zeit, und es ist angemessen, seiner auch heute im großen Rahmen zu gedenken. „Ich beginne mit einem CD-Projekt, das sich dann in Tour-Projekte weiterentwickelt. In den nächsten zwei Jahren werde ich fünf, sechs Programme anbieten. Manche davon sind direkt mit diesem Album verbunden, andere nicht, aber alle werden den Stempel Joseph Joachims tragen“ (Interview mit Adam Sweeting, www.theartsdesk.com). Das ist einerseits die ziemlich erfolgversprechende Marketing-Strategie eines modernen Geigen-Stars, der schon mehrfach seine Virtuosität im Medien-Spiel bewiesen hat – andererseits aber auch ein PR-Programm für einen, den Hope im Booklet der CD nicht zu Unrecht „einen weitgehend vergessenen musikalischen Giganten“ nennt. Möge die Aufmerksamkeit auch den anderen Orten zugute kommen, an denen das Andenken Joseph Joachims gepflegt wird, an vorderer Stelle dem Internationalen Joseph Joachim Violinwettbewerb Hannover und dem Internationalen Joseph Joachim Kammermusikwettbewerb Weimar!

Autor:

nce

Nils-Christian Engel ist Marketing-Mensch und begeisterter Amateur-Cellist

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