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Die Schott Pluscore Play-Along App: Eine gute Idee im Praxistest

PartiturSchon vor längerer Zeit habe ich an dieser Stelle einmal ein Play-Along besprochen. Allerdings eines mit CD und Notenheft, das somit – technisch gesehen – eigentlich von gestern ist. Inzwischen gibt es etwas Neues: die Play-Along App Pluscore fürs iPad aus dem Hause Schott, das die Macher als „ideales Übungsprogramm für Instrumentalisten“ bezeichnen – nicht gerade tiefgestapelt. Dieses Selbstbewusstsein kommt jedoch nicht von ungefähr: Immerhin wurde die „Schwester“, die Schott Pluscore Sing-Along App, vom „Arbeitskreis elektronisches Publizieren“ hochgelobt und mit dem „AKEP Award“ 2012 ausgezeichnet. Ich weiß aber auch nicht, inwieweit die Juroren musikalisch aktiv sind und ob sie diese Entscheidung somit überhaupt aus Musikersicht treffen konnten …

Jedenfalls stellt sich für mich im Praxistest schnell heraus, dass Pluscore zwar eine beachtliche technische Errungenschaft, trotzdem aber auch nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Klar, man hat tolle Möglichkeiten: Man kann in andere Tonarten transponieren, das Tempo zentral oder dynamisch regulieren, die Tonspuren (auch die Solostimme) einzeln ein- und ausschalten bzw. verschiedene Besetzungen und Lautstärken für sie festlegen und manches mehr. Aber die App hat auch klare Nachteile.

Am meisten stört mich der Sound: Es sind zwar, wie gesagt, sehr viele verschiedene Instrumente für die einzelnen Stimmen der Partitur wählbar – von Hammond-Orgel über Tuba bis Kontrabass gezupft oder gestrichen –, aber alle klingen künstlich, blechern, eben nicht wie echte Instrumente. Wie toll im Gegensatz dazu die Play-Along-CD mit der von lebendigen Musikern auf realen Instrumenten eingespielten Begleitung!

Ein weiteres Problem ist die Lautstärke: Um die Begleitung nicht zu übertönen (was meinem Cello natürlich mühelos gelingt ;-)), muss man tatsächlich mit einem „cuboDock“ oder Ähnlichem ausgestattet sein. Alternativ könnte man auch Kopfhörer tragen, die dann aber entweder funkgesteuert sein oder ein Kabel haben müssen, das lang genug ist, um beim Spielen nicht im Weg zu sein. Alles ein bisschen umständlich im Vergleich zur guten alten CD.

Sehr gut gefällt mir wiederum, dass man sich, anders als bei einer CD, zur kostenlosen App mit Gratis-Track gezielt weitere Stücke dazukaufen kann, die einem gefallen. Über die In-App-Purchase-Funktion sind sie von 89 Cent bis 2,69 Euro pro Titel zu haben – übrigens nicht nur für Cello, sondern auch für Violine, Flöte, Klarinette und Blockflöte. Es stehen jedoch praktisch ausschließlich Klassiker zur Verfügung, beispielsweise „Solvejgs Lied“ von Edvard Grieg, der Brahms-Walzer op. 39 Nr. 15, Verschiedenes vom alten Bach und natürlich der unvermeidliche „Schwan“ von Saint-Saëns; Gute-Laune-Lieder der Sorte „La Cucaracha“ sind nicht dabei. Zumindest ein Weihnachtsliederbuch ist aber noch im Angebot.

Was sehr praktisch ist: Man kann den Kammerton regulieren, sodass man die Stimmung seines Instruments nicht auf die Begleitung anpassen muss; des Weiteren gibt es eine Einzählfunktion, die ebenfalls nach Bedarf einstellbar ist. Und: Man kann sich mit Begleitung aufnehmen, was natürlich auch total Spaß macht – jedenfalls sofern man das Kopfhörer-Problem gelöst hat.

Eine schöne Idee ist auch der „Virtual Conductor“: Mit Hilfe einer Wischfunktion (nach links langsamer, nach rechts schneller, nach oben lauter, nach unten leiser) kann man Agogik und Dynamik anpassen, so seine individuelle Interpretation gestalten und zu dieser dann natürlich auch spielen. So klingt das Ganze am Ende schon sehr viel deutlicher nach Musik. Allerdings bedarf es einiger Übung, um mit der Funktion überhaupt zurechtkommen: Die Art und Weise, wie man auf dem Cello zum Beispiel leiser und langsamer wird, lässt sich nicht so ad hoc auf einen einzelnen Finger übertragen und hat ja eigentlich auch erst mal nichts mit oben/unten/rechts/links zu tun …

Was die Transponier-Funktion angeht, muss ich auch schon wieder meckern: Es ist ja toll, dass man seine Stücke in alle möglichen Tonarten transponieren kann; aber leider wird deshalb keineswegs immer auf die einfachste, nächstliegende Weise notiert. Vielmehr steht eine im Tenorschlüssel notierte Cellostimme auch in jeder anderen Tonart im Tenorschlüssel, selbst wenn unter Umständen 23 Hilfslinien gebraucht werden und man viel einfacher den Bassschlüssel wählen könnte. Das hilft also nicht unbedingt weiter.

Und ein letzter Minuspunkt (ja, noch einer!) betrifft das Notenlesen: Man kann zwischen Partitur und Einzelstimme wählen, sich die Noten größer zoomen und auch die Seitenumbrüche ändern, was natürlich erst mal gut ist. Aber während das Play-Along läuft, wird immer der jeweils aktuelle Takt vom Programm bläulich hinterlegt, und zwar stets genau ab Zählzeit eins. Das bedeutet, dass man auch dann, wenn eine neue Seite anfängt, den ersten Takt auf dieser neuen Seite nicht schon wenigstens ein paar Wimpernschläge früher sehen und sich beispielsweise gedanklich auf einen Lagenwechsel vorbereiten kann. Daran ändert sich auch nichts, wenn man andere, eigene Wendestellen festlegt. Viel sinnvoller wäre es doch, wenn es gar keine Seiten gäbe, sondern alle Zeilen fortlaufend untereinander angeordnet wären und man immer außer der aktuellen auch schon die jeweils nächste Notenzeile sehen könnte. Hätten die mich mal lieber vorher gefragt …

Alles in allem steckt in Pluscore eine Menge guter Ideen, die aber im Detail oft noch nicht ganz zu Ende gedacht sind. Ungeachtet dieser Tatsache und auch trotz des gruseligen Sounds lohnt sich das Ausprobieren der technischen Spielereien aber in jedem Fall. Gerade die Möglichkeiten zu einer individuellen Anpassung der Begleitung lassen sich in dieser Form auf einer Play-Along-CD natürlich nicht wiederfinden.

Linktipp: Produktseite zur Pluscore Play-Along App auf schott-musik.de

Autor:

juliahartel

Freie Journalistin, PR-Texterin und Lektorin - www.die-textkomponistin.de

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