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Ende einer Odyssee? Neue Studienpartitur zu Schumanns Violinkonzert (hg. Chr. Riedel)

Schumann Violinkonzert Studienpartitur CoverKnapp 80 Jahre hatte Robert Schumanns Violinkonzert d-Moll nach seiner Entstehung auf eine Uraufführung zu warten – eine lange, wenn auch nicht beispiellose Zeit. Dass dieses Werk aber mehr als 150 Jahre auf einen angemessenen Partiturdruck warten musste, gehört zu den Kuriositäten der Musikgeschichte, die Singularität für sich beanspruchen können.

So war die Urtext-Edition ein echter Meilenstein der Schumann-Rezeption, die Christian R. Riedel im Jahr 2009 bei Breitkopf & Härtel veröffentlichte. Diese Ausgabe ist nun in der Gestalt einer Studienpartitur erhältlich, die sich in handlicher Größe hervorragend für das Selbststudium eignet und den Zugang zu dem Konzert erleichtert, das als „Bindeglied zwischen Beethoven und Brahms“ gilt.

Die wechselvolle Geschichte von Schumanns Konzert beginnt mit der schwierigen Situation seiner Krankheit und seinem Tod. Clara Schumann und Joseph Joachim, der der erste Interpret des Konzerts werden sollte, beschlossen nach Schumanns Tod, das Werk nicht zu veröffentlichen. Die Nähe zu seiner Krankheit war für beide zu evident. So blieb die Komposition unter Verschluss, bis in den 1930 Jahren das Interesse unter durchaus zweifelhaften Umständen wieder geweckt wurde. Für den ersten Druck im Juli 1937 war der damalige Direktor der Musikalischen Abteilung der Preußischen Staatsbibliothek Georg Schünemann verantwortlich. Dessen Arbeit war allerdings nicht ohne Fehler. Auch die Eingriffe in der Solostimme sind gravierend und waren wahrscheinlich darauf ausgerichtet, die Brillanz und die Spielbarkeit des geigerisch unbequemen Soloparts zu verbessern. Mit seinen Akkordauffüllungen, zugefügten Trillern, Änderungen ganzer Läufe und Skalen sowie vielen Oktavverlegungen nach oben wurde es in der Uraufführung von Georg Kulenkampff gespielt. Der eigentliche Plan des Schott-Verlags, Yehudin Menuhin es in den USA uraufführen zu lassen, wurde von den Nationalsozialisten vereitelt, und so erklang es als Gegenstück zu Mendelssohns Violinkonzert am 26.11.37 in Gegenwart der Naziprominenz während der Gemeinsamen Jahrestagung der Reichskulturkammer und der NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ im Deutschen Opernhaus in Berlin. Ein weiteres Paradoxon der Uraufführung war, dass ausgerechnet der von den Nazis verfemte Paul Hindemith die Einrichtung der Solostimme übernommen hatte – ein Umstand der geflissentlich verschwiegen wurde. Darauf folgten Aufführungen in den USA mit Yehudin Menuhin, allerdings in der Bearbeitung Joachims und in London mit Jelly d’Arányi.

Die Loslösung vom nationalsozialistischen Erbe erfolgte schließlich durch stetige Interpretationen unterschiedlicher Musiker, die nicht immer dem Stück gerecht wurden. Als herausragendes Beispiel kann der Geiger Thomas Zehetmair genannt werden, der für die vorliegende Ausgabe die Einrichtung der Solostimme anhand der Aufzeichnungen Joachims vorgenommen hat.

Robert Schumann, Konzert für Violine und Orchester d-Moll, WoO 1, Breitkopf & Härtel, PB 5317, ISMN 979-0-004-21235-6

Autor:

Henriette Rosenkranz

Studium der Musikwissenschaft, Geschichte und Italienisch in Weimar und Jena

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