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Florian Rohn – im Gespräch mit violinorum.de

Florian RohnDie Biographie des Cellisten Florian Rohn liest sich wie eine kleine Weltreise: Der 1979 in Filderstadt geborene Musiker wuchs in Windhoek, Namibia auf und kam mit 15 Jahren an das renommierte Musikgymnasium Belvedere in Weimar. Er studierte an der dortigen Hochschule Franz Liszt bei Brunhard Böhme, danach bei Johannes Goritzki an der Robert Schumann Hochschule in Düsseldorf und schließlich am Conservatoire de Lausanne bei Patrick Demenga. Mit ausgezeichneten Diplomen in den Fächern Konzert, Kammermusik und als Solist erhielt Rohn Engagements als Solocellist des norwegischen Kristiansand Symfoni Orkester und bei den Camerata de Lausanne. Heute lebt er im schweizerischen Aarau und leitet dort seit kurzer Zeit die Musikagentur Sonaare. Mit dem Trio Sonaare, zu dem weiterhin die Pianistin Kristina Rohn-Madzarac und der Violinist Felix Froschhammer gehören, arbeitet er gegenwärtig an verschiedenen neuen CD-Einspielungen. Wir haben mit Florian Rohn über seinen musikalischen Lebensweg gesprochen, über das Wagnis einer solistischen Instrumentalausbildung und über die beruflichen Herausforderungen, denen sich junge Musiker unserer Zeit zu stellen haben.

Ihre Biographie ist voll interessanter Stationen, die gleich auf den ersten Blick ein ziemlich bewegtes Musikerleben vermuten lassen. Ich würde zunächst gern noch einmal zurückgehen zum Anfang des Weges und fragen: wie hat alles angefangen, wie kamen Sie zu Ihrem Instrument? Sie haben ja mit fünf Jahren angefangen, Cello zu spielen?

Ja, mein Vater ist ebenfalls Cellist, er hat es auch studiert, dann aber nicht professionell praktiziert, sondern ist Allgemeinarzt geworden. Aber er ist bei der Musik geblieben, und und von Kindheit an war ich ganz fasziniert vom Cello. Mein Vater ist in dem Sinne auch mein Vorbild gewesen, und soviel meine Mutter mir erzählt hat, habe ich mit vier Jahren gefragt, ob ich nicht Cello spielen kann. Mit fünf habe ich dann angefangen und bin in Namibia auf das College for the Arts gegangen.

… die Musikschule Ihrer damaligen Heimatstadt. Sind Sie von Ihren Eltern schon zu einem frühen Zeitpunkt gezielt gefördert worden in Ihrem Interesse am Instrument, oder hat man Ihnen das erst einmal als ein bloßes Vergnügen gelassen?

Meinen Eltern war es sehr wichtig, dass es von mir aus kommt – Druck ausgeübt haben sie nicht, sie haben einfach gemerkt, dass ich das sehr gerne möchte und haben das dann auch sehr unterstützt.

An welchem Punkt wurde es dann ernst mit der Musik, wann gingen die ersten Schritte in Richtung einer künstlerischen Laufbahn?

Ich habe mit 13 Jahren mein erstes Solo-Konzert gespielt, in Windhoek, mit dem National Symphony Orchestra of Namibia. Dann waren die Möglichkeiten der cellistischen Weiterbildung in Afrika zu begrenzt für mich, und ich wollte nach Europa, um einen guten Lehrer zu finden. Dann hat mein Vater Johannes Goritzki angerufen, bei dem er damals studiert hatte, in Trossingen, und Goritzki hat mich eingeladen, zu seinem Meisterkurs nach Italien zu kommen. Das war in Riva del Garda, da war ich 14. Ich habe Goritzki vorgespielt, und er hat einfach gemeint, wenn ich wirklich ins Profi-Geschäft kommen möchte und professioneller Cellist werden möchte, muss ich sehr sehr hart arbeiten. Er hat gesagt, ich muss mindestens 3-4 Stunden am Tag üben und hat mir ein technisches Programm gegeben mit Etüden usw., die ich einüben sollte. Ich bin zurück nach Namibia und habe geübt wie ein Verrückter, weil mich der Meisterkurs so begeistert hatte, die anderen jungen Cellisten zu hören, das Niveau, auf dem sie sind. Ich habe dann das Programm vorbereitet, und ein halbes Jahr später kam Goritzki als Dirigent nach Windhoek. Er hat mich angehört und war ganz begeistert, meinte, das lohnt sich, da ist Potential da, Talent, das muss gefördert werden.

Wie schwer war es, plötzlich ein so umfangreiches Üb-Pensum zu absolvieren?

Ja, das war für mich manchmal wahnsinnig schwierig, aber ich hab das ganz konsequent gemacht, weil einfach der Wille bei mir da war. Goritzki konnte mich dann aber nicht in seine Düsseldorfer Klasse aufnehmen, da ich noch regelmäßiger Unterricht brauchte als seine Meisterschüler. Zweimal die Woche bestimmt, während seine Meisterschüler einmal die Woche, zweimal im Monat kamen, weil er selbst viel unterwegs war. Dann kam ich durch eine Empfehlung auf Prof. Gerhard Hahmann in Trossingen. Mein Vater und ich haben mit ihm einen Termin gemacht, und auch er meinte, es würde sich lohnen, mich zu fördern, es war aber das gleiche Problem – er wollte nicht die Verantwortung übernehmen, da ich ja erst 14 damals alt war. Schule, Erziehung und Unterrichten, das war alles zusammen doch sehr kompliziert, und so hat er mich nach Weimar, Belvedere weiterempfohlen. So kam ich dann nach Weimar, habe dort die Aufnahmeprüfung bestanden und angefangen.

Mit 15 Jahren sind Sie dann ans Belvedere gekommen, und es war ein Schritt in die Richtung, in die Sie unbedingt wollten, wie Sie es schildern. Welche Veränderungen brachte das Belvedere aber mit sich? Was war für Sie besonders wichtig, sowohl biographisch als auch musikalisch?

Es war natürlich ein Riesenschritt, weil ich wie gesagt noch sehr jung war. Meine Eltern sind in Namibia geblieben, das war eine schwierige Trennung. Aber im Belvedere habe ich dann angefangen und einfach alles aufgesogen, diese ganze Vielfalt von Angeboten, musikalisch wie schulisch. Wenn auch der Anfang nicht sehr leicht war, weil ich eine halbe Schulklasse nachholen musste, war ich in dieser Zeit sehr, sehr glücklich. Glücklich, diese Möglichkeiten zu haben, die Belvedere mir damals geboten hat, und ich habe natürlich viele Freunde gefunden. Nach einem Jahr Belvedere kam ich dann auch ins Finale bei Jugend musiziert. Es hat zwar nicht zum ersten Preis gereicht, aber es war ein Riesenerfolg für mich; aus dem Werdegang, von Namibia, ein Jahr Belvedere und dann dieses Ziel.

Wie ging es dann weiter? Gab es auch – was für diese Lebensphase und Ihre besondere biographische Situation überhaupt nicht erstaunlich wäre – etwas wie einen absoluten Tiefpunkt, an dem Sie darüber nachdachten, ob es überhaupt weitergeht?

Ja, den gab es. Das fing im zweiten Jahr Belvedere an, in dem es einige Konfrontationen gab, in die sicher auch Faktoren wie die Pubertät mit hineinspielen, aber auch die sehr weltoffene Erziehung aus meinem Elternhaus.

Also waren das vor allem disziplinarische Fragen?

Man muss sich vorstellen, dass es ja ein Riesenprogramm war, das wir da absolvieren mussten. Morgens Schule, Gymnasium plus Unterricht, Orchester, Chor, Examen und alles. Für mich persönlich war es ein besonderes Problem, dass wir alle zwei Wochenenden das Gymnasium verlassen mussten, damit es geputzt wird und so weiter. Da sind alle zu ihren Familien gegangen, und ich hatte eben keine Familie, ich musste immer zu Gastfamilien, Freunden, das war eine Unregelmäßigkeit, die mich belastet hat. Dazu kam, dass ich gerne einen meinen Cello-Lehrer wechseln wollte, zu Herrn Professor Brunhard Böhme, und er war auch gerne bereit, mich aufzunehmen, aber das konnte ich in der Schule nicht durchsetzen. Da kamen dann einfach viele Punkte zusammen: dass ich mit dem Cello-Unterricht nicht mehr so zufrieden war, die persönliche Entwicklung, die Pubertät, die Unterstützung von meiner Familie, die mir fehlte, weil sie eben so weit weg war. In dieser Situation war ich wirklich überfordert, und das hat sich bemerkbar gemacht an meinen Leistungen, schulischen Leistungen und cellistischen Leistungen. Dann hat Professor Böhme mir vorgeschlagen, ich sollte Belvedere doch verlassen, weil ich die Mittlere Reife schon abgeschlossen hatte zu dieser Zeit. Er hat mir angeboten, dass er mich für ein Hochschulstudium vorbereitet, mit einer besonderen Begabten-Prüfung, weil ich ohne Abitur an die Hochschule wollte. So habe ich Belvedere verlassen und auch eine Gastfamilie gefunden in Erfurt, und habe mich mit Herrn Böhme ein knappes halbes Jahr auf die Aufnahmeprüfung an der Hochschule vorbereitet, und das hat auch geklappt. Als ich dann an der Franz-Liszt-Hochschule Weimar zu studieren anfing, kam der Moment, in dem ich das Gefühl hatte, musikalisch richtig aufzublühen.

Da waren Sie also endlich angekommen?

Ja, da war ich angekommen.

Führte für Sie also der Weg an diesem Punkt ebenso zwangsläufig aus dieser besonderen Schule wieder hinaus, wie er in sie hinein geführt hatte?

Ja, und das ist auch keine Frage einer Schuldzuweisung – das Internat und die Pädagogen hatten das auch mit meinem Vater im Vorfeld eigentlich schon angesprochen, dass sie Bedenken diesbezüglich haben, ob das funktioniert oder nicht, und das hat sich dann eigentlich bewahrheitet. Ich glaube, es wäre viel einfacher gewesen, wenn meine Eltern im deutschen Raum gelebt hätten und ich viel mehr Zugang und Gesprächsmöglichkeiten gehabt hätte, und Rückhalt. Das fehlte eben, und ich habe mir das dann bei anderen Menschen versucht zu holen, aber das ist halt nicht das gleiche. Aber trotzdem war es eine sehr lehrreiche, interessante Zeit im Belvedere!

Haben Sie an irgend einem Punkt dieser schwierigen Geschichte nachgedacht, einen ganz anderen Weg einzuschlagen? Gab es für Sie berufliche Alternativen?

Nein, nie. Meine Eltern hatten mich in dieser Zeit bewogen, doch etwas anderes zu machen, zurück nach Namibia zu gehen – aber das wollte ich überhaupt nicht. Ich wollte diesen Weg weitergehen, weil einfach die Freude an der Musik bei mir so groß war, da war für mich keine Alternative oder andere Option offen.

Trotzdem nochmal nachgefragt – welche außermusikalischen Interessen hatten Sie damals, haben Sie heute? Wo findet man Florian Rohn heute, wenn er nicht hinter dem Cello sitzt?

Gute Frage! Was mich noch sehr begeistert, ist Management, im kulturellen Bereich. Aber wie gesagt: für mich war als Kind und Jugendlicher Musik das Thema, und ich hatte nicht viele andere Interessen nebenher, das war schon sehr einseitig. Das hat sich dann auch später noch bemerkbar gemacht, als ich festgestellt habe, ich sollte doch meinen Horizont erweitern, und gemerkt habe, wie einseitig vieles bei mir gelaufen ist.

Ab wann haben sie nach einer Erweiterung Ihres Lebenshorizontes gesucht, nach anderen Betätigungsfeldern?

Dieser Punkt kam, als ich die Solostelle in Norwegen bekommen habe – was ja eigentlich das Endziel war! Da habe ich dann plötzlich gemerkt: Hoppla, jetzt habe ich das erreicht, aber es genügt mir eigentlich nicht mehr, jetzt bräuchte ich andere Möglichkeiten – denn Cello habe ich mein ganzes Leben lang geübt und gespielt, das kann ich jetzt mittlerweile. Ich bin mit sehr großen Ambitionen nach Norwegen gekommen und habe mich sehr engagiert, das Orchester mit aufzubauen, die Qualität zu verbessern usw. Oft ist es ja dann so dass man sich eine tolle Stelle erträumt, und dann wird man von der Realität eingeholt. Ich habe gemerkt, dass ich selber in eine Routine verfalle und Lustlosigkeit, und dann kam noch hinzu, dass meine Frau schwanger wurde und sie zurück in die Schweiz gegangen ist, wo sie eine Stelle gefunden hatte. Wir haben uns dann überlegt, was ist schwieriger, für einen Cellisten eine Stelle zu finden oder für eine Pianistin, und da war die Rechnung eigentlich klar, dass wir gesagt haben wir gehen zurück in die Schweiz.

Sie haben gerade auf die unterschiedliche musikalische Kultur angesprochen im Orchesterbetrieb und im solistischen Spiel bzw. in der Kammermusik. Wie früh werden die Weichen gestellt zwischen diesen unterschiedlichen Rollen, und was ist dafür ausschlaggebend – bzw. was war für Ihren Weg ausschlaggebend?

Mir hat das Orchsterspiel in jungen Jahren eigentlich gar nicht so viel Spaß bereitet. Für mich waren Kammermusik, Solo immer im Vordergrund, und das hat sich dann auch bewahrheitet, als ich in Düsseldorf studiert habe. Da habe ich eine Praktikumsstelle bei der Deutschen Oper am Rhein bekommen, und da habe ich ganz stark gespürt, dass das nicht mein Feld ist, vor allem Opernorchester. Das ist ein routiniertes Spielen, wenn man so die Wagner-Opern herunterspielen muss, fünf Stunden lang, da habe ich einfach gespürt, das ist nicht meins, das ist nicht, was mir besonders Spaß macht. Dann bin ich nach Lausanne gekommen, da gab es eine riesen Auswahl und Vielfalt von Kammermusik-Möglichkeiten und eben auch die Camerata de Lausanne unter der Leitung von Pierre Amoyal, und das war dann eine ganz andere künstlerische Art, in einem kleinen Kammerorchester mit der kleinstmöglichen Besetzung zu arbeiten. Amoyal hat sehr artistisch mit uns gearbeitet, was enorm viel Spaß gemacht hat, weil es da keine Routine in dem Sinne gab, da wurde man richtig gefordert. Das hat mich immer sehr motiviert, immer die Bestleistung zu bringen, in einer Art Wettbewerb, was die Qualität natürlich enorm hebt. Ich habe als drittes Cello angefangen und war zwei Jahre Solocello bei ihm, das war für mich eine sehr sehr schöne Zeit, und da habe ich gemerkt, so eine Stelle wäre für mich ideal, bei einem kleineren Kammerorchester als Solocellist. Ja, und jetzt schauen wir mal weiter!

Im Moment ist das Trio Sonaare, in dem Sie ja mit Ihrer Frau gemeinsam spielen, einer ihrer musikalischen Schwerpunkte. Was haben Sie sich noch vorgenommen?

Wir haben in Aarau jetzt seit Januar die Leitung der Konzertagentur Sonaare übernommen, was natürlich sehr viel Spaß macht, da wir die Möglichkeit haben, die ganzen Konzerte zu planen, Gastensembles einzuladen, und es kommen viele Anfragen. Das ist ein Gebiet, in das ich mich einarbeite, das für mich sehr spannend ist und in dem ich sehr viel neues lernen kann, als Agentur, vielen Sachen, an die man denken muss, Plakate, wie man Gelder heranholt, das ganze Marketing, wie man sich präsentiert, wie man mit den Leuten spricht. Das sind alles so Feinheiten, wo man erst noch einmal enorm dazu lernen und gewinnnen kann.

Es gibt schon eine Reihe, die wir von unserem Vorgänger übernommen haben, die Sommerabend-Konzerte; jetzt kommt eine neue Reihe im Winter dazu, „Sonaare Plus“, zu der wir sehr bekannte Künstler einladen werden. Die Ensembles müssen dann innerhalb des Konzertes jeweils einen Schweizer Komponisten aufführen. Das ist noch ganz in den Kinderschuhen, und ich muss noch diesen Monat Gesuche losschicken, aber das sollte klappen! (lacht)

Also führt der Weg doch heutzutage immer wieder in diese Marketing-Bereiche hinein, in denen man sich selbst und auch andere managen muss.

Ich weiß nicht, wie es mittlerweile an den Musikhochschulen ist, aber das ist ein Zweig, der in meiner Generation total vergessen wurde. Ich finde es enorm wichtig, dass die Studenten, die nach dem Studium ins Leben geworfen werden, darauf auch vorbereitet werden.

Was genau für Anforderungen sind das? Was genau müsste man noch lernen, was man im Moment nicht lernt?

Einfach wie man nicht nur durch Wettbewerbe weiterkommt, weil das ja auch keine Garantie ist; wie man sich Konzerte organisiert, wie man sich Gelder organisiert, wie man sich verkauft als Ensemble. Es ist ja so schwierig, eine Stelle zu bekommen, auch im Orchester. Ich hab irgendwann einmal ausgerechnet, dass allein in der Schweiz im Jahr vielleicht fünf, sechs Stellen frei sind für Cello, und Absolventen gibt es pro Jahr vielleicht 40. Und das summiert sich ja über die Jahre: Die vor fünf, sechs Jahren einen Diplom-Abschluss erreicht und noch keine Stelle haben, suchen ja auch weiter, und dann kommen noch Leute aus dem Ausland, die Interesse haben, hier eine Stelle zu bekommen. Da kommt man vielleicht auf 150, 200 Cellisten für fünf Stellen – das ist einfach eine Rechnung, man merkt, das kann ja gar nicht aufgehen. Deshalb müssen die Menschen, die das Privileg nicht genießen, eine Stelle zu bekommen, schauen, wie sie im freischaffenden Raum überleben können, und darauf, meine ich, sollten die Hochschulen aufmerksam machen und vorbereiten.

Also so eine Art Überlebens-Training für die rauhe Welt, die man draußen findent – es ist ja schon häufig beklagt worden, jüngst vom Deutschen Bühnenverein, dass die Musiker-Ausbildung zu solistenlastig ist, obwohl es ja für die Solistenkarriere die wenigsten Garantien gibt.

Eben. Mir wurde auch immer gesagt damals, Du brauchst kein pädagogisches Diplom, wenn Du gut genug bist – und das hat sich eben auch total verändert. Ohne Pädagogik kannst Du an keiner Schule mehr unterrichten, zumindest in der Schweiz nicht, das ist unmöglich. Das sind einfach die Auflagen, die gesetzlich erfüllt werden müssen. Ohne braucht man es gar nicht versuchen.

Das ist ein sehr interssanter Aspekt, weil viele schon mit der Perspektive an ihre muskalische Karriere herangehen, dass sie sich sagen, wenn ich es mal geschafft habe, dann bin ich in dem Töpfchen drin und dann passiert mir nichts mehr – aber das ist ja längst nicht mehr der Fall, wenn es denn jemals so war.

Genau. Auch nach zwei Jahren Norwegen, in denen ich die Beziehungen in die Schweiz aufrecht erhalten habe, kam ich mit der Hoffnung zurück, dass ich in die ganzen Orchester und Ensembles wieder zurück kann. Dem war gar nicht so, weil in der Zeit in der ich weg war, haben sich natürlich andere Leute etabliert, und dann kann ich nicht zurückkommen und die Leute, die sich das auch erarbeitet haben sozusagen wieder rausschmeißen. Darum musste ich auch nochmal komplett von Null anfangen, obwohl ich hier bekannt bin, obwohl ich gute Freunde habe. Wenn man mal seine Zelte irgendwo abbricht, dann muss man sich hinten anstellen wie alle anderen auch, und sich das wieder erarbeiten.

Aber auf der anderen Seite hält es einen am Leben, ich finde es also auch nicht so negativ. Man bleibt aktiv, man muss viel kämpfen, aber ich finde das auch gut, es hat viele positive Seiten, weil man sich persönlich weiterentwickleln kann und man eben nicht in diese tägliche Frustration hineinkommt dadurch, was mir in Norwegen passiert ist. In dieser Routine habe ich die Motivation am Cellospielen komplett verloren, eine Zeit lang. Deswegen musste etwas passieren bei mir im Leben, und das hab ich wieder gefunden, auf einer ganz anderen Ebene. Das sind eigenartige Erfahrungen, die es gibt nach dem Studium, in der Musikwelt.

Ich möchte noch auf einen Punkt genauer zu sprechen kommen, was diesen Punkt angeht, sich in der Öffentlichkeit positionieren zu müssen. Das Trio Sonaare ist ja zu jeder Tages- und Nachtzeit über YouTube zu hören, und wir unterhalten uns gerade über Skype – wie viel bedeuten die modernen Medien, insbesondere das Internet bzw. das Web 2.0, heute für das Berufsleben eines Profimusikers?

Sehr viel! Das Internet ist eine Plattform, auf der man sich bekannt machen kann, und ich merke einfach, wenn wir uns bei einem Konzertveranstalter bewerben, dann muss man einfach nur auf unsere Homepage hinweisen und er hat alle nötigen Informationen und Medien. Man erspart sich viel Zeit und Arbeit. Wir haben auch einige Konzert-Anfragen bekommen durch Leute, die auf uns übers Internet aufmerksam wurden. Das waren zwar nicht sehr viele, aber das gab es schon. Von daher ist es enorm wichtig. Natürlich ist es auch wieder so, dass es alle Künstler versuchen, es ist ja eine Riesenmenge an Daten mittlerweile im Internet und jeder hat eine Homepage, aber es ist sehr hilfreich, ich kann das nur bejahen. In meinem Bekanntenkreis wird auch über Facebook sehr viel Werbung in eigener Sache betrieben. Obwohl ich schon sagen muss, nach wie vor ist persönliches Beziehungsknüpfen viel hilfreicher. Das Internet sehe ich einfach als eine Plattform, wo man Daten schnell austauschen kann und jeder Zugriff darauf haben kann, ohne dass man sämtliche Papiere drucken muss, CDs brennen muss, usw. – das ist sehr hilfreich.

Ich würde Ihnen gern noch eine abschließende Frage stellen. Sie musizieren ja im Trio Sonaare zusammen mit Ihrer Frau, die Frage bezieht sich aber auf die andere musikalische Persönlichkeit an Ihrer Seite: Stellen Sie uns Ihr Instrument mit ein paar Worten vor? Was ist es für eines, welche Geschichte hat Ihr Cello, wie ist es zu Ihnen gekommen, welche Eigenarten zeichnen es aus?

Das Instrument habe ich 2005 gefunden, in Lausanne beim Geigenbauer, ein wunderschönes Instrument, italienisch, aber man hat bis heute nicht herausgefunden, welcher Name dahinter steckt.

Also ein altes Instrument?

Ja, ein Neuitaliener, 1907, etwa in dem Raum, und ich habe viele Kämpfe mit dem Instrument gehabt, bis ich die Einstellung gefunden habe, Regelage nennt sich das hier, mit der ich sehr zufrieden bin. Was ich an diesem Instrument ganz toll finde, ist dass es sehr stabil und ausgeglichen ist – man erlebt keine bösen Überraschungen, z. B. wegen des Wetters, dass sich die Ansprache verändert, oder dass es anders klingt. Es ist sehr sehr konstant, was natürlich sehr hilfreich ist für einen Musiker. Alle renommierten Geigenbauer, denen ich es gezeigt habe, sind sehr begeistert, aber den Namen müssen wir noch finden. Ich werde jetzt zu Eric Blot fahren, dem Spezialisten in Cremona. Er hat es schon gesehen und meinte, es sei ganz sicher ein Italiener, und er könnte schon etwas herausfinden, aber er wollte zwei, drei Tage – und jetzt muss ich mir die Zeit noch nehmen, um diesen Schritt noch zu vollziehen.

Spannend!

Ja, ich habe es für einen sehr guten Preis bekommen und … ja!

Wer weiß was sich noch dahinter verbirgt.

Eben, schauen wir mal!

[Bildnachweis zu diesem Beitrag: Archiv Florian Rohn.]

Autor:

nce

Nils-Christian Engel ist Marketing-Mensch und begeisterter Amateur-Cellist

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