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Geigespielen ohne Schulterstütze?

Eine Frage hat uns per E-Mail erreicht, von einem Nutzer, der gern anonym bleiben möchte, um atmosphärische Störungen in seinem Orchester zu vermeiden 😉 Dort hat ihm nämlich ein eingefleischter Verächter der Schulterstütze zu verstehen gegeben, dass richtige Geiger nur „ohne“ spielen. Es sei besser für die Haltung und für den Klang, und außerdem sei die Stütze doch nur eine ziemlich späte Erfindung, ohne die Generationen von Geigern bestens ausgekommen seien. Unserem Fragesteller gingen da die Argumente aus, und er wüsste gern, was von dieser Meinung zu halten ist.

Autor:

nce

Nils-Christian Engel ist Marketing-Mensch und begeisterter Amateur-Cellist

9 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. violination

    Da ich weder Geigen- noch Bratschenspieler bin, aber einige Musiker kenne und bei Konzerten und bei meinen Ausstellungen an Musikhochschulen erlebt habe, kann ich eigentlich nur aus der „Entfernung“ meine bescheidene Wahrnehmung kund tun.

    Allein dem Argument, dass Generationen von Geigern ohne Schulterstütze ausgekommen sind, kann ich wenig abgewinnen. Allein schon deshalb nicht, weil die Violine generell baulichen Veränderungen unterworfen war: z. B. längerer und schräger angesetzter Hals, stärkerer Bassbalken = höhere Saitenspannung – lautere Instrumente. Aber auch neue Saitenentwicklungen haben das frühere Klangideal verändert. So, wie sich auch die Ansprüche durch größere Konzertsäle verändert haben.

    Mein Nachbar ist erfolgreicher Berufsmusiker im Bereich der Kammermusik. Er spielt nur mit Stütze. Außer, er probiert auf die Schnelle ein Instrument aus. Sobald er sich aber näher damit befasst, musiziert er mit der Schulterstütze.

    Generell wird es wohl Geschmacksache sein. Manche fühlen sich ohne Stütze wohler, andere, vor allem die, die einen langen Hals haben, sind sowieso froh über die Schulterstütze.

    Je nach Schulterstütze kann es den Klang des Instruments schon ein bisschen dämpfen, wobei ich der Meinung bin, dass es sich dabei nur um eine minimale, wenn nicht minimalste Klang-Einschränkung handelt, falls überhaupt.

    Diesen Verfechter des ohne Schulterstützen-Spiels sehe ich eher als einen Puristen, was natürlich auch seine Berechtigung haben mag.

    Es mag sein, dass Generationen von Musikern ohne Stütze ausgekommen sind. Es sind aber auch Generationen von Musikern ohne Stahl- oder Kunststoffsaiten ausgekommen, während heute der Großteil der Musiker mit Kunststoffsaiten musiziert.

    Ansprüche an den Klang ändern sich im Laufe der Zeit. So wie auch Hörgewohnheiten.

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  2. Die Frage nach dem Spiel mit oder ohne Schulterstütze gehört zu dem vielleicht interessantesten Thema in der Violintechnik. Von Anfang an gab es Komplikationen beim Halten der Violine. Seit der Renaissaadmin, also seit der „Erfindung“ der Geigenform sieht man auf Abbildungen die unterschiedlichsten Haltungsmodelle. In der Zeit der Entstehung der einflußreichsten Violinschulen, Anfang des 19. Jahrhunderts, gab es eine besondere Kragenmode, durch Umklappen desselben entstand ein recht komfortables Kissen. Ich hatte mir eine solche Kleidung mit dem Schnitt der damaligen Zeit angezogen und war richtig verblüfft, wie hoch dieses „kissen“ dann unter der Geige spürbar war. Nach Abschaffung dieser Mode um 1840 wurde dann erstmalig vermehrt empfohlen ein Kissen zu benutzen. Es gab aber immer eine ganz bestimmte Gruppe von Geigenlehrern, die weiter das Spiel ohne Kissen und auch ohne Schultereinsatz empfohlen hatten.

    Diese Anweisung ging von Delphin Alard aus, dessen bedeutendster Schüler Pablo Sarasate war. Auf Abbildungen sieht man diese Technik dann sehr genau: Man muss die Geige dabei mit der linken Hand halten. Leopold Auer vertrat ebenfalls diese Ansicht. Diese Lehrer wären normalerweise mit dieser speziellen Ansicht nur „Exoten“ -wenn nicht aus dieser Schule eine ganze Reihe der besten Geiger der Violingeschichte hervorgegangen wären. (Heifetz, Elman, Milstein, Seidel, Shumsky und mit dem Unterricht eines Assistenten von Auer auch Szeryng)Der Einfluß war auch in den nachfolgenden Generationen deutlich spürbar. Als ich noch jünger war, hieß es noch „wer auf eine Stütze angewiesen ist kann keine bedeutende Karriere machen …“

    Nun haben sich die Zeiten geändert. Das Beispiel mit den ständigen Veränderungen im Geigenbau finde ich sehr gut. Man kann auch eine ungeheure Präzision an einer Französischen Geige von 1890 erkennen, die vielleicht einen ersten Preis bei einer Weltausstellung errungen hatte, Fortschritte in der Bautechnik, im Lacktrocknungsprozess, in der Technik eine präzise Einlage zu machen und und und – aber kann man diese Geige mit einer Italienischen Geige aus dem 18. Jahrhundert vergleichen? wann „kippt“ der Fortschritt und was bedeutet „Kunst“? Keiner würde auf die Idee kommen zu sagen eine Französische Geige aus dem späten 19. Jahrhundert wäre schlecht gebaut …, aber wann kippt eine Ästhetik?

    Solisten, die eine moderne Geige spielen („klingt noch besser als meine Stradivari …“), vielleicht einen Karbonbogen (tatsächlich verlockende Eigenschaften!), Kunststoffsaiten verwenden (sind schnell eingespielt), eine Stütze mit Zusatzteil und hohem Kinnhalter („o, mein Hals ist so lang!“) können auch sehr gut Geige spielen und sind in ihrer Leistung sehr respektabel.

    Neulich habe ich eine Schubert-Sonatine im Autoradio gehört, ich sagte zu meiner Frau: „… interessant, ich wußte gar nicht, dass es eine Fassung für Klarinette gibt!“ Ich hattte minutenlang nicht erkannt, dass da jemand Geige spielt (es spielte eine sehr bekannte Geigen-Solistin).

    Geige ohne Stütze spielen ist eine sehr komplexe Angelegenheit: Es gibt keinen besseren Vergleich als Fahrradfahren und Schwimmen, es geht um Balaadmin durch Bewegung. Man stelle sich 10.000 Fahrradfahrer mit Stützrädern vor und 10.000 Schwimmer mit Schwimmflügeln. Jeder würde Ihnen überzeugend nachweisen können, dass man ohne Stützräder sofort umkippen würde und ohne Schwimmflügel sofort untertaucht. Noch dazu ist es außerordentlich anstrengend und körperlich gefährlich sich „ohne“ fortzubewegen. Mit solchen Argumenten sieht sich ein Geiger konfrontiert, der gelernt hat, ohne Stütze zu spielen: wo soll man da mit den Erklärungen anfangen.

    Viele haben einen Versuch unternommen, die Stütze wegzunehmen und sind wieder zurückgekehrt – hatten sie keinen guten Schwimmlehrer?

    Wer zufrieden mit seiner geigerischen Leistung ist und sich körperlich wohlfühlt braucht sich auch nicht zu verändern, es gibt aber Geiger und Bratscher die unzufrieden waren und die Stütze weggelegt haben: So Pinchas Zukerman, Anne Sophie Mutter, Vadim Repin oder Shlomo Mintz. Das gegenseitige Feedback von Geige und Bogen verändert sich vollkommen, auch das Feedback der linken Hand: man spielt ohne Stütze nicht mehr auf der Geige sondern mit der Geige.

    Ich empfehle das Ausprobieren bei künstlerischen oder körperlichen Krisen. Ich hatte sieben Jahre mit Stütze gespielt und bekam eine Sehnenscheidenentzündung. Mein Bruder hatte das gleiche Dilemma, so wusste ich dass keine Massage, Fangopackung, Salbe, Akkupunktur, Elektrostrom usw. hilft. Die Konsequenz war die Überlegung nach einer völlig neuen Haltungs und Bewegungsform. Das Buch von Menuhin (sechs Violinstunden) hatte mir eine neue Dimension eröffnet. Als ich die Geige so halten konnte, habe ich bis zu 14 Stunden pro Tag ohne Probleme üben können …

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  3. nce

    Ein Nachtrag: Kim Kashkashian hat gerade im Vioworld-Interview sehr schön und einfach erklärt, dass es auf die Anatomie ankomme:

    Hängende Schultern -> Stütze
    Gerader, t-förmiger Körperbau -> „Freischwimmen“ 😉

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  4. Violetta

    Das Thema habe ich noch mal ausgegraben, da ich selber gerade mit meiner Stütze kämpfe. Ich spiele mit einer Stütze, die ich schon in meiner Kindheit hatte und meiner jetzigen Lehrerin fiel auf, dass ich manchmal sehr verkrampft bin. Selber merke ich auch immer wieder, dass ich die Kiefer sehr aufeinanderpresse. Meine alte Stütze scheint nicht hoch genug zu sein, gestern habe ich eine neue bestellt von einer anderen Firma mit längeren Füßen. Alternativ übe ich auch manchmal ohne Stütze, das geht gut bei der Bratsche, bei der Geige „eiere“ ich doch ziemlich rum. Das ist vielleicht Übungssache.

    Das Video fand ich sehr interessant, ich selber bin auch ein „T-Typ“, ich werde mal wieder mehr vor einem Spiegel üben und verschiedene Techniken probieren.

    Viele Grüße
    Mila

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  5. Ententon

    Schulterstütze ja oder nein…. warum nicht sowohl als auch ? Ich spiele viel mit Schulterstütze, weil meine Lehrerin, hier
    in Hamburg die Schüler generell mit Schulterstütze spielen lässt, ohne dabei dogmatisch zu sein. Ich habe eine Freundin, die Orchestermusikerin ist und auch schon Schüler unterrichtet hat, die gerade wegen der Haltung und auch, damit man als Schüler den Klang des eigenen Instrumentes im wahrsten Sinne „spürt“, auch mal ohne Schulterstütze spielen lässt. Ohne Schulterstütze spürt man die Schwingungen des Tons sehr schnell und hat einen genauen und vollen Klang. Allerdings ist es dann notwendig, die Techniken der linken Hand technisch anders zu spielen, so ist z.B. das Lagenspiel anders anzugehen. Deshalb, möchte ich erreichen, das ich selbst sorgfälltig Intonation und Klang verbessere, so spiele ich auch mal ohne Schulterstütze.Dabei merkt man Fehler übrigens sehr schnell, auch bei den Saitenwechseln. Etüden und Tonleitern, übe ich oft ohne Schulterstütze. Generell spiele ich dann Stücke und Konzerte mit Stütze. Aber zur Übung lohnt es sich auch mal die Schulterstütze weg zu lassen.
    Die Schulterstütze zu verpöhnen, halte ich für Dogmatismuss. Generell begegne ich oft auch diesem Dogmatismus, wenn es um Schulwerke geht. Da ist die grundsätzliche Situation, dass oft darüber diskutiert wird, ob moderne Unterrichtstechniken, z..B. Schülerkonzerte mit CD zum üben oder Schulen, die damit arbeiten auch zum Erfolg führen.Oder auch alt bewährte Schulen. Mittlerweile habe ich die Erfahrung gemacht, dass beides paralell zu gebrauchen ist. Stunden und Monate lang nur dogmatische Haltungs und Tonübungen, begeistern wohl kaum einen Schüler, aber warum nicht auf bewährte Schulen zurück greifen, wenn man genau üben will, da sind mir der Hofmeister, Schratek un Sevcik lieber, als jahrelang an Stücken zu lernen.
    Generell wünsche ich mir also, dass man genau hinschaut, was individuell sinnvoll ist und wann was zum richtigen Zeitpunkt eingesetzt wird, dazu gehört auch das Spielen mit, oder eben auch mal ohne Schulterstütze, das Ausprobieren von unterschiedlicher Literatur, das Ausprobieren unterschiedlicher Instrumente und Bögen. Nur dann findet man für sich den eigenen Weg, findet das für ein passende Instrument und Bogen.
    Ich frage mich, wie sehr, ist jemand eingeschüchtert, wenn er diese Frage, Schulterstütze ja oder nein nier anonym stellen muss. Was sind dass für Orchester-Kollegen ? Menschen die dogmatisch anderen vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben, somit die „Atmosphäre “ stören, sollte man eher selbstbewußt gegenüber treten. Das sage ich, wo ich eigentlich eher ängstlich und zurückhaltend bin, was die Beurteilung meiner Spielfertigkeit oder eher Unvollkommenheit angeht. Aber ich habe da auch so meine Erfahrung bereits machen müssen….. Zwei Lehrerinnen, die eine Berufsmusikerin und meine beste Freundin, sowie meine Hamburger Lehrerin, die mit Herz und Seele und vor allem mit Begeisterung und Überzeugung unterrichtet. Wenn beide spielen, ist eindeutig zu hören, wer den schöneren Klang hat……. LG Ilka

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  6. nce

    Ich bin auch der Meinung, dass einem Dogmen am Instrument nicht weiterhelfen – am besten sind immer noch die persönlichen Erfahrungen und das Prinzip Versuch & Irrtum (ohne den Wert wissenschaftlicher Zugänge bestreiten zu wollen). Da ich ja auf der Violine kompletter Autodidakt bin 😉 leiste ich mir da auch gern jede Freiheit – und meine Erfahrungen mit Stütze sind, kurz gesagt, demotivierend, während ich die ohne Stütze herausfordernd nennen würde. Sprich: Ich habe meine Haltung durchaus schon mal von kundigen Personen durchsehen und korrigieren lassen, und bilde mir ein, auch mit einem Spiegel umgehen zu können – das Ergebnis des Spielens mit Stütze ist aber immer ein Krampf, mal mehr, mal weniger ausgeprägt. Ich habe es bis heute einfach nicht geschafft, eine Stütze so in meine Physiognomie einzubauen, dass sie das tut, was sie soll. Die blanke Geige mit einem kleinen Kissen fühlt sich dagegen sofort „richtig“ an, und obwohl sie so natürlich viel mehr Eigenleben entwickelt, habe ich immer das Gefühl, dass sie „passt“. Die Konsequenzen für die linke Hand sind natürlich klar, aber da gab es bislang noch keine unlösbaren Aufgaben – was ja noch kommen kann. Es ist übrigens ganz interessant, dass mich das Spielgefühl ohne Stütze mehr an den Umgang mit dem Cello erinnert, das ja mein eigentliches Hauptinstrument ist – wahrscheinlich ist der Punkt, dass es dort auch keine statische Verbindung zwischen Spieler und Instrument gibt, sondern eine Bewegungsfreiheit, die ich sehr schätze. Um so mehr, wenn man auch den Stachel mal einfährt.

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  7. Mit Stütze kann man die Geige ganz mit dem Kinn halten, oder?
    Ohne Stütze nicht?

    Also hat man mit Stütze mehr Freiheiten beim Spielen, kann sich ganz darauf konzentrieren und muss nicht noch Angst haben, dass einem die Geige aus der Hand gleitet.

    Wie spielt man denn ohne Stütze in den hohen Lagen?

    Da nimmt man doch den Daumen (fast) von der Zarge.

    Genügend bekannte Geiger spielen mit Stütze – die hatten auch lange Unterricht bei hochkarätigen Lehrern und werden es wohl richtig gelernt haben.

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  8. Die am meisten schwingenden Teile einer Geige sind doch (neben den Saiten, versteht sich) Decke und Boden, und beim Spielen ohne Schulterstütze hat der Boden direkten Kontakt mit der Schulter. Wohingegen eine Schulterstütze lediglich mit den Kanten der Geige in Berührung steht, so dass dies doch ein wesentlich freieres Schwingen des Bodens ermöglicht. Insofern verstehe ich das häufig angeführte Argument von Schulterstützengegnern nicht, dass Schulterstützen dem Klang abträglich seien.

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