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Hilfreich: Die Henle-Library-App im Test

Tablet und Geige - von grdezign_studio@AdobeStock

Die Henle-Library-App: Eine neue Brücke zwischen digitaler und analoger Welt

Wieder eine Innovation auf dem Notenmarkt: Der G. Henle Verlag – der Spezialist für Urtext-Ausgaben der „großen klassischen Musik“ – hat die Pforten zu seiner digitalen Notenbibliothek geöffnet. Denn die Nachfrage in diesem Bereich steigt.

Bei der „Henle Library“ handelt es sich nicht etwa, wie bei „Pluscore“ aus dem Hause Schott, um eine Play-along-App. Trotzdem interessiert mich das Versprechen, Musiker dürften „ein Maximum erwarten“. Ich lade mir das Programm aufs iPad und starte einen Test.

 

Was kann die Henle Library?

Vieles. Zunächst einmal präsentiert sie die Referenztexte der Urtext-Ausgaben aus dem Henle-Verlagsprogramm. Aber – und das ist schon der erste Clou: Zu vielen Werken werden mehrere Fingersatz- und Bogenstricheinrichtungen verschiedener Künstler und/oder Pädagogen mitgeliefert, die man nach Belieben zuschalten und bearbeiten oder ausblenden kann. Für das Notenstudium natürlich ein Riesengewinn!

Andererseits ist es auch möglich, mittels Stift oder Textfeld eigene, auf Wunsch verschiedenfarbige Notizen, Fingersätze oder sogar Emoticons etc. in die Noten einzufügen (in meinem persönlichen Fall also auch die sonst mit Bleistift gezeichneten Brillen und Totenköpfe für schwierige bzw. extrem schwierige Lagenwechsel ;)).

Ebenfalls interessant, weil kostengünstig, ist die Option, statt kompletter Sammlungen oder vollständiger Werke nur einzelne Stücke oder Stimmen – etwa ein Präludium aus dem Wohltemperierten Klavier oder eine Stimme aus einem Streichquartett – zu erwerben.

Toll ist auch, dass man sich das Layout selbst einrichten kann, also die Ränder und Linienabstände und mithin die Größe des Notentextes. Darüber hinaus gibt es ein Metronom (piepsend und blinkend), eine Aufnahmefunktion, die Begleittexte aus den jeweiligen Druckausgaben und die Möglichkeit, sich Kommentare direkt an Ort und Stelle anzeigen lassen kann, die sonst im Fußnotenapparat zu finden wären.

 

Wie funktioniert das Ganze?

Der Download der App selbst (bislang nur über Apple, laut Plan ab Mai/Juni 2016 auch über die Android-Stores) ist kostenfrei. Der Erwerb der Noten erfolgt dann durch Credits, die man im Henle Store kaufen kann. Dabei kosten 100 Credits zum Beispiel 8,99 Euro, 200 Credits 16,99 Euro; für Stimme und Partitur der e-moll-Cellosonate op. 38 von Brahms etwa müsste man 120 Credits ausgeben. 50 Credits erhält man zum Testen geschenkt.

 

Minuspunkte

Ja, die gibt es auch. So ist beispielsweise, wie man hört, so mancher Notenhändler angesichts des Projekts not amused. Und irgendwie fühlt es sich ja auch wirklich nicht supergut an, dass – wieder einmal – Appel und Google die großen Gewinner einer guten Idee sein sollen.

Des Weiteren sollte erwähnt werden, dass die Bibliothek aktuell noch bestückt wird, die Auswahl also bisher noch nicht sooo umwerfend ist. Bis Ende 2018 soll der komplette Katalog veröffentlicht worden sein.

Doch davon abgesehen sind da auch spielpraktische Schwierigkeiten, vor allem das Umblätter-Problem: Geblättert wird – theoretisch – durch Wischen oder einfaches Tippen auf den Bildschirm. Tippt man mit zwei Fingern, kann man zum Anfang einer Wiederholung springen. Aber nehmen wir das mindestens zweiseitige Prélude aus Bachs Cello-Suite Nr. 1 G-Dur – bei ihm kann man an keiner Stelle absetzen, auch nicht zum Kurz-irgendwohin-Tippen. Für solche Fälle bräuchte man also zusätzlich ein Fußpedal. Auch gut wäre wahrscheinlich ein extra Ständer zum Befestigen des iPads, da Selbiges wohl weniger elegant zu Boden segeln würde als ein Notenblatt. Da kann man also einiges investieren, wenn man möchte …

 

Wer braucht die App?

Feld-Wald-und-Wiesen-Cellisten meiner Größenordnung wahrscheinlich eher nicht.

Hilfreich ist das System sicherlich für alle, die oft mit mehreren Kilogramm Noten im Gepäck unterwegs sind, also Profimusiker, Studenten oder Lehrer. Für sie ist auch die Sache mit den verschiedenen Fingersätzen ein großes Argument, da dadurch, wie gesagt, ein sehr tiefgehendes Notenstudium ermöglicht wird. Dank der Aufnahmefunktion können sie Interpretationsideen für bestimmte Stellen mit ihren Kammermusikpartnern teilen (und natürlich auch ihre schriftlichen Anmerkungen). Ob die App deshalb tatsächlich „unverzichtbar“ für sie ist, wie Henle in seiner Werbung behauptet, weiß ich aber nicht.

 

Ein unsachliches Fazit

Henle will mit seiner Bibliothek einen Mehrwert für die Musiker schaffen. Dies sehe ich definitiv erreicht. Ich persönlich werde aber trotzdem lieber bei meinen Notenheften bleiben. Erstens, weil ich viel zu viel Sorge hätte, dass mich bei einem Auftritt womöglich auf einmal die Technik im Stich lässt. Zweitens, weil meiner Meinung nach eine kurze Notiz eben doch mit dem Bleistift schneller gemacht ist. Und drittens, weil ich den Geruch von Papier mag, und auch die leicht speckigen Stellen an den unteren Ecken der Blätter, die erkennbar machen, wie oft ich ein Stück schon gespielt habe. Doch das ist nur meiner romantischen Ader zuzuschreiben und macht die Henle Library nicht weniger innovativ.

Bildnachweis: grdezign_studio@AdobeStock

Autor:

juliahartel

Freie Journalistin, PR-Texterin und Lektorin - www.die-textkomponistin.de

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