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Im Gespräch mit violinorum.de: Das „Flex Ensemble“

Es ist eine feste Formation und doch wieder keine – das Klavierquartett Flex Ensemble, bei dem die Konzeptidee schon im Namen steckt. Denn Kana Sugimura (Violine), Anna Szulc-Kapala (Viola), Martha Bijlsma (Cello) und Endri Nini (Klavier) spielen zwar schwerpunktmäßig in ihrer Basisbesetzung, holen sich aber für bestimmte Produktionen auch immer wieder andere Musiker dazu – ganz flexibel eben, ausgerichtet an den Anforderungen der Werke, die sie jeweils erarbeiten möchten.

Flex Ensemble

Die Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover hat die vier zusammengebracht: Im Frühjahr 2012 hatte Endri Nini Partner für eine Kammermusikprüfung gesucht und Kana, Anna und Martha gefunden – „a good match“, wie er sagt. Wie gut tatsächlich alles passte, zeigte sich spätestens im darauffolgenden Jahr, als das Ensemble den ersten Platz beim Internationalen Schumann-Kammermusikpreis Frankfurt belegte. Weitere Auszeichnungen folgten. Bis heute wird die Gruppe intensiv von dem Geiger Oliver Wille und dem Pianisten Markus Becker – beides Dozenten der Musikhochschule Hannover – betreut und ist bereits fleißig auf Europas Bühnen unterwegs.

Ausgewogenheit durch Vielfalt
Vor ihrem ersten Konzert in Nürnberg Ende Oktober 2014 treffe ich die Musiker zum Interview und lerne vier humorvolle, leicht herbstverschnupfte Künstler kennen, die neben ihrem musikalischen Feuereifer vor allem eines gemeinsam zu haben scheinen: die Fähigkeit nämlich, an jeweils genau den richtigen Stellen eine zur Selbstironie tendierende Bescheidenheit, aber auch höchsten künstlerischen Anspruch und Ernst an den Tag zu legen. Ansonsten zeichnen sie sich durch Vielfältigkeit aus, und zwar nicht nur, was die Nationalitäten betrifft (Japan/Polen/Holland/Albanien), sondern auch hinsichtlich ihrer Charaktere: „Kana bleibt in den Proben immer eher bei sich und ist sehr konzentriert“, erzählt Martha Bijlsma, „Anna dagegen will viel reden und hat jede Menge Energie. Ich bin emotional. Endri bleibt immer ruhig, auch wenn wir anderen zum Beispiel vor dem Auftritt aufgeregt sind. Insgesamt ergibt das alles eine sehr gute Balance.“

Ein flexibles Repertoire
Das Repertoire des Flex Ensembles umfasst neben den Klavierquartett-„Klassikern“ von Brahms, Mendelssohn, Schumann etc. auch unbekanntere Werke, Neukompositionen und Arrangements. „Wir sind immer auf der Suche nach Neuem. Erst kürzlich haben wir zwei romantische polnische Stücke gefunden, die ganz wunderbar sind und die sonst niemand spielt“, sagt Anna Szulc-Kapala. Entsprechende Anregungen fänden sie im Internet oder durch persönliche Empfehlungen; immer wieder einmal kämen auch Arrangeure oder Komponisten auf sie zu und würden ihnen neue oder extra für Klavierquartett eingerichtete Musik anbieten. Ein anstehendes Projekt sei zum Beispiel ein Arrangement von Strauß-Liedern, das ein Studienkollege angefertigt habe – dem „Flex-Prinzip“ entsprechend für Klavierquartett plus Mezzosopran. Sich stets auf neue Künstlerpersönlichkeiten einstellen zu „müssen“, empfinden die vier als Bereicherung. „Wir kennen uns untereinander sehr gut, da geht die Zusammenarbeit schnell. Wenn jemand dazukommt, dauert es etwas länger und wir müssen vielleicht mehr reden“, gibt Martha zu. „Aber es ist auch immer sehr interessant!“

Immer wieder probieren sie auch andere Konzertformen aus, geben Kinderkonzerte und haben zudem heuer zusammen mit Jens Klaassen das „Chamber Music Fest Rheinhessen“ ins Leben gerufen, das auch weiterhin regelmäßig in Nieder-Olm stattfinden soll. Hierbei präsentieren sie – oftmals gemeinsam mit Gastmusikern – Kammermusik, bieten aber auch Workshops an und wollen so ihre Erfahrung und Begeisterung an andere Musiker weitergeben.

Voller Hingabe
Für ihren Auftritt in Nürnberg haben Kana, Anna, Martha und Endri ein eher klassisches Programm zusammengestellt: Es gibt die Klavierquartette op. 2 von Mendelssohn und op. 25 von Brahms, dazu das etwas unbekanntere „Phantasy Quartet“ von Frank Bridge aus dem Jahr 1910. Gerade Letzteres sei ein ganz tolles Stück, sind sich die Musiker einig. Es enthalte alles, was eine Komposition für Klavierquartett ausmachen sollte: Es sei sowohl symphonisch als auch solistisch gedacht; überhaupt sei es gut gebaut und enthalte viele Charakterfacetten. Man müsse es eigentlich bedauern, dass Frank Bridge – anders als seinen Schüler Benjamin Britten – kaum jemand kenne.

Mir gefällt das Werk auch. Es wirkt sehr gefühlsbetont auf mich, und mit seiner hingebungsvollen Interpretation liegt das Flex Ensemble meiner Meinung nach goldrichtig. Darüber hinaus wird deutlich, wie gründlich die Musiker sämtliche musikalischen Strukturen, die Interaktion zwischen den Instrumenten, verstanden haben; denn ebenso verständlich können sie sich auch an das Publikum weiterkommunizieren. Leider kommen Bratsche und Cello oftmals von der Lautstärke her nicht ganz gegen Violine und Flügel an.

Ähnlich ist es auch beim Mendelssohn-Quartett, diesem unglaublich gefälligen und dabei so kunstvoll konstruierten Jugendwerk, aus dessen harmonischem und melodischem Ideenreichtum sich eigentlich nur noch die ganz besonders genialen Ecken hervorheben lassen: der Schluss des zweiten Satzes zum Beispiel, mit seinen Streichertremoli und dem Thema im Klavier, oder auch die Art und Weise, wie zu Beginn des „Intermezzos“ die thematischen Läufe in einem Instrument begonnen und von einem jeweils anderen zu Ende geführt werden … „Bei Mendelssohn hat man immer Spaß“, hat Anna vorher gesagt, und das merkt man: Auch hier gibt es viel zu schwelgen und auch hier ist alles sehr sorgfältig ausgearbeitet. Nur ist eben auch hier die Klangbalance nicht ganz perfekt.

„Leider nicht von mir!“
Der zweite Konzertteil gehört ganz allein Brahms bzw. seinem op. 25, über das selbst so ein Großer wie Arnold Schönberg gesagt haben soll, es sei leider nicht von ihm. „Voller Farben in allen Registern“ findet es Kana, und für Anna gibt es auch im dritten, von Zigeunerkolorit geprägten und eigentlich sehr positiv gestimmten Satz Momente, „die ganz tief in die Seele gehen“. Die vier drehen hier, besonders zum Schluss hin, gewaltig auf, und wer Brahms für seine Ungarischen Tänze liebt, kommt voll auf seine Kosten. Leidenschaftlich bis wild bleibt es auch noch in der Zugabe, der „Fuga 9“ von Piazzolla, in die sogar perkussive Elemente eingebaut sind. Das Konzert ist ein Erfolg.

„The Arrival of Night“
Stichwort Brahms und Piazzolla: Diese beiden Komponisten sind auch auf dem Album vertreten, das das Flex Ensemble in diesem Jahr aufgenommen hat und das im November erscheinen wird. Ihren Titel hat die CD vom sechsten Satz des Klavierquartetts „The King Of The Sun“ von Stephen Hartke (Satzbezeichnung: „Personages and birds rejoicing at the arrival of night“), das sein musikalisches Material aus dem spätmittelalterlichen Kanon „Le ray au soleyl“ bezieht und bei dem sich das „Nächtliche“ dennoch durch alle – übrigens nach Gemälden von Miró betitelten – Sätze zieht. In diesem Nachtmotiv sehen die Künstler mithin auch die Verbindung zu den anderen Kompositionen: den drei „Teufelsstücken“ von Piazzolla, arrangiert von Konstantinos Raptis und mit Elsbeth Moser am Bayan, und eben einem weiteren Brahms-Klavierquartett, dem op. 60, an dem der oft von Traurigkeit „umnachtete“ Komponist, höllisch leidend an seiner aussichtslosen Liebe zu Clara Schumann, über 20 Jahre hinweg arbeitete.

Ihr größtes Anliegen bei der CD-Aufnahme sei es gewesen, so erzählen die Musiker, die Stücke gerade nicht nach einer Studioeinspielung klingen zu lassen: „Wir waren nicht so pingelig. Wir haben nicht nach Perfektion gesucht, sondern nach Lebendigkeit – wie im Konzert.“

Und das ist ihnen, so viel sei verraten, auch gelungen. Bei den Piazzollas züngeln kleine teuflische Flämmchen, die melodische Schönheit des Brahmsschen „Andante“ tut genauso weh, wie es soll, und auch bei Hartke (übrigens sehr filigran geschrieben und äußerst kreativ!) hat man die phosphoreszierenden Schneckenspuren, hysterischen Wüstenblumen und sonstigen nächtlichen Erscheinungen sehr plastisch vor Augen. Außerdem gibt es hier in Sachen Klangbalance – dem Live-Auftritt-Problem Nummer eins – natürlich nichts zu bemängeln. Ich selbst bin mir gar nicht so sicher, ob ich es erstrebenswert fände, so konkrete „Interpretationshilfen“ zu haben wie Gemälde oder Briefe, in denen sich ein Komponist mit Werther vergleicht (wie Brahms es gegenüber seinem Verleger getan hat). Aber für Kana, Anna, Endri und Martha spricht die Musik sowieso aus sich selbst heraus. Zusätzliche Informationen seien zwar interessant, aber für die Interpretation letztlich nicht wichtig.

Letzter Punkt: die Instrumente. Martha erzählt, sie spiele ein – wenngleich gut klingendes – „No-Name-Cello“, Kana und Anna haben „alte Italiener“. Bei Annas Bratsche handelt es sich genau genommen um eine 20.000-Euro-Balestrieri, die auch schon ein kleines Abenteuer hinter sich hat: Im Sommer hat sie das wertvolle Stück in Hannover im Zug liegen lassen; die Bundespolizei fand es zum Glück wieder, nachdem es ohne sie bereits bis nach Hamburg weitergefahren war. „Eine große Überraschung war das eigentlich nicht“, feixt Martha, „Anna lässt immer mal Sachen liegen.“ Die aber nimmt´s mit Grandezza: „In allen Zeitungen Hannovers war ein Bild von mir und meiner Bratsche, drunter stand ‚Flex Ensemble‘ – eine bessere PR kann es doch wohl gar nicht geben!“

Linktipps:

Flex Ensemble Arrival of Night CD-CoverThe Arrival Of Night

Flex Ensemble
Elsbeth Moser (Bayan)

GENUIN classics (GEN 14325)
66:07 min.

Bildnachweis: Flex Ensemble, mit freundlicher Genehmigung

Autor:

juliahartel

Freie Journalistin, PR-Texterin und Lektorin - www.die-textkomponistin.de

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