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Angelika Bachmann von „Salut Salon“ im Gespräch mit violinorum.de

Was auf Facebook auf den ersten Blick aussah wie ein Mitschnitt aus einem klassischen Kammerkonzert – zwei Geigen, ein Cello, ein Flügel, dazu vier Schönheiten im „kleinen Schwarzen“ auf der Bühne – entpuppte sich beim Anklicken als Riesenüberraschung: In dem Clip „Salut Salon: Wettstreit zu viert/Competitive Foursome“ bricht ein Klavierquartett mit sämtlichen Konventionen. Da wird ein gewagtes Medley aus Vivaldi, Mozart und Kurt Weill präsentiert, aber nicht irgendwie, sondern in Form von noch nie dagewesener „Instrumentalakrobatik“ und, zumindest anfangs, vorgetragen in scheinbarer, äußerst amüsanter Rivalität. Ein absoluter Knaller eben, den auch ich in meiner privaten Chronik geteilt habe und der inzwischen die 15-Millionen-Marke auf YouTube geknackt hat.

Aber ob man es glaubt oder nicht: Das Ganze war alles andere als ein genialer PR-Coup: „Wer auch immer das bei Facebook eingestellt hat – wir waren es nicht!“, erzählt mir die Geigerin Angelika Bachmann, als wir uns nach dem Auftritt des Ensembles im Stadttheater Fürth Mitte November unterhalten. „Der Clip – es ist eigentlich ein Ausschnitt aus unserer letzten DVD – war schon länger online. Dass er via Facebook verbreitet worden war, haben wir erst gemerkt, als plötzlich innerhalb von einem Tag 150 neue Buchungsanfragen reinkamen.“ Den seitdem beständig andauernden Hype, die inzwischen 15 Millionen Clicks, kann sie selbst kaum fassen: „Absoluter Wahnsinn“, meint sie nur kopfschüttelnd.

Salut Salon sind nämlich keineswegs erst seit gestern erfolgreich: Sie bestehen unter diesem Namen bereits seit 2002, waren schon mehrmals in Russland und Amerika und haben ihre vierte China-Tournee hinter sich. Trotzdem ist die Nachfrage in diesem Jahr explodiert, und auch das Fürther Stadttheater (übrigens ein rotsamtener, goldstuckverzierter Neurokoko-Traum!) ist offensichtlich ausverkauft.

Eine der Fragen, die mich im Vorfeld umtreiben, ist: Kann man wirklich einen kompletten Konzertabend lang so unterhaltsam sein, wie es eine dreiminütige Zugabennummer verspricht? Und ich stelle fest: Man kann.

Ein Feuerwerk an Gags

„Die Nacht des Schicksals“ lautet das Motto, und ich vermag mich nicht zu erinnern, wann ich zuletzt in einem Kammerkonzert so lauthals gelacht habe (oder ob ich es überhaupt jemals getan habe …). Zu kreativ sind die Einfälle, zu wortwitzig die Moderationen, zu frech und mitreißend das Auftreten. Unter der verbindenden Frage nach der Existenz einer Schicksalsmacht wird ein Mix aus Klassik, Tango, Chansons und anderem dargeboten, verpackt in eine echte Bühnenshow nebst Lichteffekten und Trockeneis. Selbstbewusst, in ständigem Kontakt mit dem Publikum und wunderschön anzusehen sitzen und stehen die Musikerinnen auf der Bühne, und man hat den Eindruck, dass sie sich auch selbst königlich amüsieren. Die singende Säge, die Puppe Oskar, die manchmal auf dem Schoß sitzen und auch mitspielen darf, oder das Potpourri aus bekannten TV-Melodien sind nur wenige Beispiele für das Gag-Feuerwerk, das auf uns niedergeht. „Der Charme, den diese Weiber versprühen – das ist ja fast unerträglich!“, formuliert es ein Besucher in der Pause, und das Vergnügen, mit dem allenthalben beim Sekttrinken der „Muppet Show Theme Song“ gepfiffen wird, lässt vermuten, dass er vielen aus der Seele spricht.

Allerdings – und das beeindruckt mich wirklich – ist die Show keineswegs ein Mittel zur Verschleierung mangelnden Könnens – im Gegenteil. Angelika Bachmann, Iris Siegfried (beide Violine), Sonja Lena Schmid (Cello) und Anne-Monika von Twardowski sind offensichtlich nicht nur die geborenen Entertainer, sondern verfügen auch über echtes musikalisches Talent. Viele Stücke sind ziemlich virtuos, so etwa der „Danse rituelle du Feu“ von Manuel de Falla, und so heißblütig, wie solche Nummern präsentiert werden, müssen denn auch im Lauf des Abends etliche Bogenhaare dran glauben.

Andererseits beherrschen sie durchaus auch die gefühlvollen Töne und schwelgen in Stücken wie Piazzollas „Verano porteño“ mit geschlossenen Augen. Zudem spielen sie ihr vollständiges Programm auswendig, und singen können sie auch – und wie! Da sind also wirklich Qualität und künstlerischer Anspruch dahinter.

Alles nur Spaß?

Trotzdem habe ich schon den Eindruck, dass das Publikum – in dem diesmal übrigens auch deutlich mehr jüngere Semester vertreten sind als sonst – bei den „Spaß-Nummern“ am meisten in Begeisterungsstürme ausbricht. Als der „Wettstreit zu viert“, den sich die Musikerinnen tatsächlich bis zur Zugabe aufgehoben haben, endlich kommt, geht ein Raunen durchs Auditorium, in das sich gedämpfte Jubelschreie mischen („Des is´des!!“). „Muss“ denn Klassik heute unterhaltsam sein, wenn man erfolgreich sein und die Bude vollkriegen will?

„Für mich persönlich nicht unbedingt“, sagt Angelika Bachmann, die auch gern in ganz „klassische“ klassische Konzerte geht. „Aber viele Leute haben unbegründete Berührungsängste, weil sie meinen, Klassik müsse eine ernste Angelegenheit sein. Dabei war und ist Musik doch eigentlich immer schon etwas Unterhaltsames, und früher hat man ja zum Beispiel auch grundsätzlich zwischen den Sätzen einer Symphonie geklatscht. Erst mit der ‚absoluten Musik‘ wurden plötzlich Grenzen um die Klassik herum aufgebaut, die aber eigentlich vollkommen künstlich sind. Natürlich ist so ein Piazzolla sehr ernsthaft und tiefsinnig, aber deswegen kann ja das nächste Stück trotzdem lustig sein, das muss sich doch überhaupt nicht widersprechen! Und wir erleben immer wieder, dass wir mit unserem Konzept den Leuten ihre Ängste nehmen und sie auch an andere klassische Werke heranführen können.“

Ums „Bude-Vollkriegen“ geht es Salut Salon also gar nicht, und sie fühlen sich auch mitnichten unangenehm festgelegt auf die Unterhaltungsschiene, im Gegenteil: Ihre spezielle Art der Präsentation, die nun einmal „klassisch verführt“, wie es ihr Slogan ausdrückt, liegt ihnen einfach im Blut. Schon als ganz junges Kammermusik-Duo bauten Angelika Bachmann und Iris Siegfried, dickste Freundinnen seit Kindertagen, „Lieder und Akrobatik-Quatsch“ in ihre kleinen Programme ein, die sie zum Beispiel beim wöchentlichen Jour fixe im Salon einer befreundeten Pianistin zur Aufführung brachten. „Obwohl ich in musikalischer Hinsicht sehr strikt klassisch erzogen worden bin, gefällt mir diese Mischung. Ich möchte Spaß und Freude beim Musizieren haben! Der Aspekt ‚höher, schneller, weiter‘ hat mich dagegen beim Geigespielen immer gestört“, erzählt Bachmann.

Mit der Zeit erweiterten die beiden ihre Besetzung dann um Klavier und Cello, vergrößerten ihr Repertoire, unter anderem um selbstgemachte Arrangements, traten zu immer mehr Gelegenheiten auf und gaben sich den Namen „Salut Salon“ – eine Anspielung auf das Werk „Salut d´amour“ von Elgar, eine ihrer ersten Nummern, aber auch auf den besagten Hamburger Salon als ihre erste Auftritts-Location. Die weitere Erfolgsgeschichte, in der zuletzt noch ein Facebook-User „Schicksal spielte“, wurde oben bereits skizziert.

Vorbildliche Multitalente

Auch heute noch schreiben und arrangieren Salut Salon viel selbst – eine naheliegende Tatsache angesichts des Kompositionsunterrichts, den Angelika Bachmann – abgesehen von ihrer intensiven Geigenausbildung und, ach ja, dem Germanistik- und Philosophiestudium (!) – absolviert hat. Wenn die vier im Ausland unterwegs sind, singen und moderieren sie in der jeweiligen Landessprache. Ein Multitalent scheint auch Freundin Iris zu sein, die ebenfalls nicht nur Geigerin, sondern auch noch Rechtsanwältin und diplomierte Kulturmanagerin ist. Gemeinsam betreuen Bachmann und Siegfried das Hamburger Projekt „Coole Streicher“, ein Kinderorchester, in dem jeder mitspielen kann, da für jedes Mitglied eine eigene, seinen individuellen Fähigkeiten entsprechende Stimme geschrieben wird. Und auch im Ausland setzen sich die beiden für Kinder ein, unter anderem als Patinnen des KindernothilfeprojektsEscuela Popular de Artes“ (EPA), einer Musikschule in einem Armenviertel in Chile. Für ihr vielfältiges sozial-musikalisches Engagement wurden die Musikerinnen 2011 mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.

In Bezug auf ihr Handwerkszeug ist Angelika Bachmann vollkommen uneitel. Der Bogen müsse in erster Linie „gut springen können“ – hier sei die „PS-Stärke“ relevant. Beim Instrument selbst gehe es ausschließlich um den Klang und in ihre alte italienische Geige („die billigste, die man sich vorstellen kann – ich wüsste nicht mal den Erbauer“) habe sie sich darum „sofort verguckt“.

Bei Salut Salon stimmt also irgendwie alles. Aktuell ist das Quartett mit seinem Weihnachtsprogramm „Morgen kommt Salut Salon“ auf Tour – ein heißer Tipp, ebenso wie die CD „Christmas with Salut Salon“ (warner classical). Und zum Anschauen zu Hause gibt´s auch was: „Salut Salon – Der Film“, ein Porträt in Bild und Ton unter der Regie von Ralf Pleger.

Linktipp: www.salut-salon.com – Website von Salut Salon

Autor:

juliahartel

Freie Journalistin, PR-Texterin und Lektorin - www.die-textkomponistin.de

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