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Karlheinz Busch vom Bamberger Streichquartett im Gespräch mit violinorum.de

Göttermusik mit klammen Fingern: Das „Bamberger Streichquartett“ spielt „Klassik im Kreuzgang“

Bamberger StreichquartettMusik spricht für sich selbst – wirklich? Wenn Karlheinz Busch mit seinem „Bamberger Streichquartett“ auftritt, wird nicht schweigend musiziert: Der Cellist hält viel davon, Konzerte zu moderieren.

Ich höre das Ensemble Anfang Juni im Kreuzgang des Karmelitenklosters Bamberg. Es ist kalt, so etwa 10 °C: Das Publikum sitzt in Decken gehüllt auf Bierbänken, während der Wind durch die Arkadenbögen pfeift. Aber die Bänke sind voll! Sieht ganz so aus, als wüssten die Leute, warum sie kommen.

Programmhefte zu diesem Konzert aus der Reihe „Klassik im Kreuzgang“ bekommen wir nicht. Nur dass es heute Barockmusik geben wird, wissen wir; alles andere wird von Karlheinz Busch angesagt und erläutert. Was ist die Idee dahinter?

„Meine Erfahrung ist, dass sich bei den Konzertbesuchern der Genuss und die Freude an der Musik noch vertiefen, wenn sie Hintergrundinformationen bekommen“, erklärt mir Busch vor dem Konzert. „Ich möchte es den Zuhörern ermöglichen, die Musik nicht nur emotional aufzunehmen, sondern zugleich intellektuell berührt zu werden.“ Dabei gibt es für ihn ein großes Tabu: Hermeneutik. „Ich will auf gar keinen Fall die Musik bzw. den Seelenzustand hinter der Musik erklären. Nie würde ich jemanden zwingen wollen, die Musik so zu fühlen, wie ich sie fühle. Ich will niemanden beeinflussen.“ Historische Fakten sind es also, auf die er sich in seinen Erläuterungen konzentriert: geschichtliche und psychosoziale Aspekte, die Biografien von Komponisten, ihre Arbeitsweise etc.

Dabei, das verrät er mir ganz offen, bereitet er sich nicht einmal auf seine Moderationen vor. Er hat noch nie einen Zettel benutzt, spricht immer frei und spontan. „Wenn ich aufstehe, um das nächste Stück anzusagen, weiß ich in dieser Sekunde noch nicht, was ich sagen werde.“ Alle Achtung. Hätte er mir das nicht gesagt: Ich hätte es nicht gemerkt.

Das erste Werk, das Raúl Teo Arias, Andreas Lucke, Lois Landsverk und Karlheinz Busch an diesem Vormittag im zugigen Kreuzgang spielen, ist die „Sinfonia in G-Dur“ von Pietro Locatelli. Und sie spielen sie wie eine Kostbarkeit, feinsinnig und differenziert, mit äußerst sparsam verwendetem Vibrato. Mir fällt auf, dass sie quasi ohne Blickkontakt auskommen. Besser kann man wohl nicht aufeinander eingespielt sein – was nachvollziehbar ist: die vier musizieren seit vielen Jahren gemeinsam.

Die „Visitenkarte“ des Orchesters

Seine Beweggründe, dieses Ensemble 1975 gemeinsam mit seinen Kollegen von den „Bamberger Symphonikern“ zu gründen, beschreibt Busch so: „Als Orchestermusiker ist man nur bedingt selbst verantwortlich für sein Tun. Der Dirigent bestimmt, und die vielen Musiker eines Orchesters müssen folgen. Das ist im Quartett ganz anders: Da gibt es unter Umständen vier Meinungen oder Interpretationsideen zu einer bestimmten Stelle und es entsteht manchmal eine große Reibungshitze. Es wird heiß diskutiert und am Ende muss man sich einigen. Außerdem sind sowohl gute als auch missglückte Töne viel deutlicher zu hören. Man muss ständig trainieren, um auf seinem hohen Niveau zu bleiben. Und das ist ein unglaublicher Jungbrunnen, evoziert eine unglaubliche Energie!“ Dabei steht das Streichquartett in keinster Weise in Konkurrenz zu den Bamberger Symphonikern: Vielmehr gilt es als „Ableger,“ als „Visitenkarte“ des Orchesters, auf das man stolz ist. Eine regelrechte „Symbiose“ sei das, meint Busch, das dem Orchester dient. Musiker, die gut und viel Kammermusik machen, bringen ihren Feinschliff auch mit ins große Orchester.

Die Konzertmoderation hat er dabei von Anfang an gepflegt. Aber diese Praxis, so meint er, verbreite sich seitdem auch zunehmend.

Den stilistischen Schwerpunkt des Ensembles bilden Werke aus der Wiener Klassik und der Romantik, doch auch moderne Kompositionen gehören zu seinem 60 bis 70 Stücke umfassenden Repertoire. Der Bereich der Barockmusik war bislang ausgespart. „Aber es gibt ja auch Barockwerke, die man ohne Orchester spielen kann“, meint Busch. „Manchmal haben wir auch eine Cembalistin und einen Bläser dabei – das ist für uns eine ganz neue Freude und bedeutet eine außerordentliche Fülle eines neuen Repertoires.“ Historische Aufführungspraxis spiele dabei eine große Rolle: Das Orchester biete seinen Mitgliedern dazu eigens Kurse an.

Das nächste Stück ist das Concerto grosso op. 6 Nr. 1 von Georg Friedrich Händel, wie alle Werke in einer Bearbeitung für Streichquartett. Busch zitiert Hermann Hesse, der Händels Musik von seinem „Steppenwolf“ Harry Haller als „Göttermusik“ bezeichnen lässt. Wie wahr. Und die vier Musiker tragen der „Göttlichkeit“ definitiv Rechnung, trotz ihrer klammen Finger.

Die Atmosphäre in diesem Konzert ist überhaupt einzigartig: Alle frieren, aber die vier Bamberger wollen für uns musizieren und wir, die wir so in nächster Nähe vor ihnen sitzen dürfen – der Abstand zur ersten Reihe beträgt vielleicht einen Meter –, wollen unbedingt zuhören. Das musikalische Geschehen, das sich auf ihren Gesichtern spiegelt, die kleinsten Regungen – all das dürfen wir ganz unmittelbar miterleben. Auch ist klanglich alles perfekt ausgewogen, niemand spielt sich in den Vordergrund (außer natürlich, wenn eine Stimme hervortreten soll).

Von meinem Darling Vivaldi gibt es das Concerto grosso in d-Moll, und als ich dabei am Ende des ersten Satzes Gänsehaut bekomme, liegt es nicht an der Kälte. Dieses Genießen der harmonischen Reibungen, dieses Pianissimo – hervorragend! Lediglich den zweiten Satz hätte ich einen Hauch langsamer genommen: Die melodische Linie in der ersten Violine ist so unfassbar schön, dass man sie etwas mehr hätte auskosten könnte. „Ja, dieser Antonio …“, resümiert Busch nach dem Stück, „… der ist schon was Besonderes.“ Sag ich doch.

Nach Johann Sebastian Bachs „Air“ gibt es dann nochmals Händel: sein Concerto grosso op. 6 Nr. 5 in D-Dur. Und eine Sekunde nachdem der letzte Ton verklungen ist, beginnt das 12-Uhr-Läuten – Maßarbeit!

Fast hätte ich vergessen, Karlheinz Busch nach seinem Cello zu fragen; nach dem Konzert hole ich es nach: Ein Valenzano-Cello von 1795 ist es, sagt er mir nicht ohne Stolz. Ja, für Göttermusik braucht es halt auch das richtige Handwerkszeug …

Bis September noch läuft die sechs Sonntagskonzerte umfassende Reihe „Klassik im Kreuzgang“; und auch für 2014 ist sie wieder geplant – Start ist im Mai.

 

Bildnachweis: Mit freundlicher Genehmigung des Bamberger Streichquartetts.

Autor:

juliahartel

Freie Journalistin, PR-Texterin und Lektorin - www.die-textkomponistin.de

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