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Konzentration und Genuss: Christian Poltéra in der Nürnberger Meistersingerhalle

Böhmische Klänge in der Nürnberger Meistersingerhalle warten auf mich! Im Vorfeld des Konzerts der Nürnberger Symphoniker unter der Leitung von Alexander Shelley weiß ich gar nicht, worauf ich mich mehr freuen soll: Auf Dvořáks „Symphonie aus der Neuen Welt“ – ist sie doch eine meiner absoluten „all-time favourites“ – oder auf das Cellokonzert Nr. 1 H 196 von Bohuslav Martinů, und zwar insbesondere auf dessen traumhaft schönen langsamen Satz. Zumal ich äußerst gespannt auf den Solisten bin, den Schweizer Cellisten Christian Poltéra: Dass er zu der angenehmen Sorte Künstler gehört, darf ich bereits erfahren, als ich ihn zwei Wochen vor dem Konzert am Telefon habe. Wie er den – unter uns gesagt: abartig schweren – Martinů meistern wird, das interessiert mich nun umso mehr!

Zu Anfang gibt es erst schon einmal ein bisschen Dvořák, und zwar drei seiner „Slawischen Tänze“: die Nr. 8 aus op. 46 und Nr. 2 und Nr. 7 aus op. 72. Hiervon bin ich fast enttäuscht: Außer dem ersten Geigen-Pult kommt mir niemand im Orchester besonders engagiert vor. Vielleicht wollen sie einfach nicht zu dick auftragen, aber ein bisschen „böhmische Seele“, vor allem eine kleine Portion Schmalz bei Nr. 2 op. 72, könnte doch wohl nicht schaden! Erst gegen Ende des dritten Tanzes scheinen sich die Damen und Herren in Laune gespielt zu haben.

Nun kommt schon Poltéra. Er ist Jahrgang 1977, hat bereits eine Reihe von CDs herausgebracht und unterrichtet neben seiner Tätigkeit als freischaffender Solist und Kammermusiker im „Trio Zimmermann“ Cello an der Hochschule Luzern; vor Kurzem hat er außerdem die Leitung der „Büsinger Kammermusiktage“ übernommen. Am Telefon hat er mir erzählt, dass er sich auf die Zusammenarbeit mit Shelley freut. Vor rund zwei Jahren hat er mit ihm schon in Mainz das Elgar-Konzert gespielt: „Es ist natürlich besonders toll für einen Cello-Solisten, wenn der Dirigent auch ein ausgebildeter Cellist ist. Da muss man dann gar nicht viel reden. Und wenn einer hellhörig ist und gut begleiten kann, ist das ein Idealfall!“ Was das Martinů-Konzert angeht, ist er sich sicher, dass der Dirigent (dem er das Stück damals empfohlen hat) „da mit Leib und Seele dabei sein wird“. Und er hofft, dass auch das Orchester so begeistert davon sein wird; dass alle „am gleichen Strick ziehen und an das Stück glauben und nachher sagen: ‚Ja, warum kannten wir dieses Stück denn nicht? Das ist ja gar nicht schlechter als Schumann oder Elgar oder sowas!‘“. Das Martinů-Konzert sei nämlich, so Poltéra, „wirklich sehr unterschätzt“.

Nun, das mag sein. Jedenfalls ist es ganz sicher keine leichte Kost. Ob das dem Meistersingerhallen-Publikum (dessen Altersdurchschnitt ich an diesem Nachmittag übrigens deutlich senke) gefallen wird?! Poltéra legt los, rasant, tänzerisch, melodisch weit ausgreifend das erste Thema, es schmeckt irgendwie nach Aufbruch; der Seitensatz ist von lyrischem Charakter und wird zusammen mit Solo-Holzbläsern vorgestellt. Dann wird die Sache wieder dramatisch und wild, und was der Solist da alles zu tun hat – Doppelgriffe, etüdenhafte Figuren und Läufe, noch dazu in einem irren Tempo – sorgt für allgemeine Ehrfurcht im Publikum. „Wahnsinn“, haucht nach dem ersten Satz jemand in der Reihe vor mir seiner Begleitung zu. Also, ob nun im herkömmlichen Sinne „gefällig“ oder nicht: Dass dieses Stück auf dem höchsten Schwierigkeitslevel angesiedelt und der Mann da vorne echt gut ist, hat jeder hier begriffen.

Das Orchester, so mein Eindruck, scheint erfreulicherweise genauso begeistert zu sein, wie Poltéra gehofft hatte – jedenfalls musizieren und lauschen alle sehr konzentriert. Martinů spielt aber auch auf das Reizvollste mit der Hörerwartung: Im einen Moment ist alles zum Schnurren schön, im nächsten werden wieder die vorlautesten Dissonanzen kreiert. Die Musiker, so sieht es für mich aus, weiden sich regelrecht daran. Ich mich übrigens auch. Und Poltéra sich auch. Maximale Konzentration bei maximalem Genuss – so arbeitet er sich durch die Sätze, beendet Phrasen gern mit großer Geste und entlockt seinem Cello die verschiedensten Klangfarben.

Ach ja, eben – das Cello. Es ist eine Berühmtheit: „Mara“ von Stradivari. Vor Poltéra spielte es sein Lehrer Heinrich Schiff. Er selbst bekam es dann letzten Oktober, was glücklichen Umständen zu verdanken ist: Sein Besitzer wollte es verkaufen, und beinahe wäre es nach Asien in ein Banksafe verschwunden. „Aber da hat sich ganz spontan ein Sponsor eingeschaltet und das Cello ‚gerettet‘, sodass es in Europa bleiben konnte, und ich bin der Glückliche, der jetzt darauf spielen darf.“ Viele Zuhörer, erzählt er, sprechen ihn auf das Instrument an, auch solche, die nicht wissen, dass es sich um ein Stradivari handelt. „Es hat schon eine besondere Aura, und natürlich geht das auch Hand in Hand mit dem Klang. Es ist sehr, sehr lebendig: Sowie man eine Note darauf spielt, springt einen sofort dieser Klang an, mehr noch als bei anderen Celli, die ich kenne.“ Und er behält Recht: Das Cello klingt toll.

Schade: Manchmal finde ich es dem Orchester gegenüber etwas zu leise bzw. habe das Gefühl, dass in den Läufen der Klang ein wenig verschwimmt, aber das liegt wahrscheinlich an der Akustik in der Halle oder vielleicht auch an meinem Sitzplatz im Speziellen. Jedenfalls habe ich später, in einigen Passagen der Dvořák-Symphonie, eine ähnliche Wahrnehmung.

Und Poltéras Bogen? „Meine Erfahrung ist: Auch der beste Bogen ist nicht unbedingt der beste Bogen für jedes Cello. Es ist ganz erstaunlich, dass ein Instrument, mit zwei verschiedenen Bögen gespielt, ganz verschieden klingen kann. Manchmal ist es sogar ein Tagesgefühl, welcher Bogen einem am besten liegt. Ich habe mehrere und verwende sie je nach Saal und nach Stimmung.“ In der Konzertpause, als er seine CDs signiert, verrät er mir dann, welchen er für den Martinů benutzt hat: ein moderner Bogen war es, eine „Tourte“-Kopie von Norbert Seifert. „Der Bogen ist sehr bequem“, erklärt er und fügt lachend hinzu: „Und für dieses Stück muss der Bogen bequem sein.“

Das Konzert hat übrigens auch ein Motto: „Heimweh – Fernweh“ lautet es, in Anspielung auf die Tatsache, dass beide Komponisten jeweils einen Großteil ihres Lebens weit entfernt von ihrer Heimat verbrachten. Bei Dvořák lässt sich die musikalische Verarbeitung entsprechender Gefühlsregungen ja relativ leicht im Werk lokalisieren. Funktioniert das, so frage ich Poltéra, auch bei Martinů? „Absolut“, meint er. „Das Stück hat einen der schönsten langsamen Sätze! Als es entstand, war Martinů gerade in Paris. Was er dort alles an Inspiration erfahren hat, ist sicher mit eingeflossen; andererseits war er wie Dvořák sehr stark mit seiner Heimat verbunden, und gerade mit diesem langsamen Satz kann man sicherlich ein Gefühl von Heimweh assoziieren.“

Wie dem auch sei – der Satz ist ein Traum. Eingeleitet wird er von den Bläsern; die kleine Melodie, die der Solist dann präsentiert, ist verblüffend simpel, sie wird in verschiedenen Tonlagen über einem flauschigen Streicherteppich wiederholt und trägt den Hörer unweigerlich davon. Faszinierend, mit welcher Ruhe Poltéra diesen Teil vorträgt. Später steigert sich das musikalische Geschehen, wird intensiv, laut, klingt nach Schmerz. Nach einem Cello-Solo entspinnt sich ein Zwiegespräch mit der Bratsche, das nach der Idylle des Anfangs eine fast beklemmende Stimmung erzeugt. Und dann – dann kommt der Anfang noch einmal. Und wieder ist das, was man da hört, fast zu schön, um es auszuhalten. Auch Poltéra verliert sich darin. „Es gibt Künstler, die gern mit ihrem Publikum kommunizieren“, antwortet er mir auf meine Frage, ob ihm im Moment des Auftritts eigentlich die Anwesenheit seiner Zuhörerschaft bewusst sei. „Ich kann das nachvollziehen, jedoch finde ich auch nichts Falsches daran, so in der Musik zu versinken, dass es kaum noch eine Rolle spielt, ob da ein Publikum sitzt oder nicht.“ Und ich glaube, genau das passiert auch gerade: Er hat uns vergessen. Aber das ist ok.

Nun noch der dritte Satz: Er ist rasant, hat manchmal etwas Nervöses an sich, dem man sich wiederum nicht entziehen kann. Das beherrschende Motiv ist eher eine rhythmische denn eine melodische Figur. Nach einem ruhigeren Mittelteil (Andantino) folgt noch einmal das anfängliche Allegro. Dann ist mit Pauken und Trompeten plötzlich alles ganz schnell vorbei. Und Poltéra wird – verdientermaßen – ausgiebig bejubelt.

Nach der Pause gibt es noch einmal Dvořák, seine 9., wie gesagt, und meine Befürchtung, das Orchester würde aufgrund der Bekanntheit des Stücks vielleicht wieder in seine anfängliche Lustlosigkeit zurückverfallen, bestätigt sich nicht. Shelley hat es sorgfältig mit seinen Leuten durchgearbeitet, und sie spielen es mit größtem Einsatz. Aber wie sollte es denn auch anders sein?! Dieses Werk ist einfach wunderbar – es darf eigentlich keinen Orchestermusiker geben, der es nicht gerne spielen würde.

Nürnbergs Kulturfans ziehen jetzt sehr zufrieden Richtung Abendessen ab – und ich auch. Hab´ ich´s nicht gleich gewusst, dass das ein tolles Konzert wird? Eben.

Autor:

juliahartel

Freie Journalistin, PR-Texterin und Lektorin - www.die-textkomponistin.de

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