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Mein schöner Franzose und sein Haustier

Welches ist das schönste Instrument von allen? Keine Frage: das Violoncello – mein Violoncello! Es hat diesen außergewöhnlichen, selbstbewussten Klang, doch leider auch ein ganz besonderes Haustier im Gepäck: einen wandernden Wolf!

Wenn ein neues Jahr mit einem neuen Projekt beginnt, ist das an sich schon eine feine Sache. In meinem Fall beginnt es auch noch mit einem neuen Blog über mein Cello – eines meiner absoluten Lieblingsthemen. Doppelter Spaß also!

Ich besitze mein Instrument seit ca. 19 Jahren; nach so einer langen Zeit hat man in anderen Beziehungen längst die Kinder in der Schule. Als ich es damals auswählte, war es quasi „Liebe auf den ersten Blick“. Mein damaliger Cellolehrer hatte es zusammen mit zwei anderen Instrumenten zur Ansicht bzw. zum Probespielen besorgt; spätestens, als er es die Sarabande aus Bachs Suite III singen ließ, war es um mich geschehen, und die beiden Mitstreiter waren aus dem Rennen. So eine Wärme bei so viel klanglicher Power! Die ganze Schulaula, in der unser kleines „Casting“ stattfand, schien zu vibrieren – ich war verliebt. Doch das Cello mochte mich offensichtlich auch: Indem es auf meine erste, schüchtern gestreichelte C-Dur-Tonleiter genauso schnell ansprach wie auf die Melodien des alten Meisters, ließ es mich wissen, es wolle gerne bei mir bleiben.

Auch äußerlich gefiel es mir ausnehmend gut. Es ist zweifelsohne eine Schönheit, von ganz leicht rötlich-brauner Farbe, mit einem besonders kunstvoll geflammten Rücken. Sein Zettel behauptet, es sei ein „Gand & Bernardel“, Baujahr 1890 – ein Fake, natürlich. Doch „Pariser Bauzeit um 1900“ scheint zu stimmen – so jedenfalls der Befund des Geigenbauers, der meinen schönen, selbstbewussten Franzosen damals schätzte.

Zusammen mit ihm holte ich mir allerdings auch ein ziemlich lästiges Tier ins Haus: einen Wolf. Einen wandernden Wolf, wie sich herausstellte. Denn verrückterweise saß der Kerl anfangs auf dem F, zog aber im Laufe der Jahre zum F# weiter. Auf dem F konnte ich ihn zeitweise kaum ertragen: Sogar auf der D-Saite gespielt, stotterte der Ton. Von Mordlust getrieben, investierte ich in einen Wolftöter, der aber schlechterdings keine Abhilfe schaffen konnte. Irgendwann entschloss sich das hinterhältige Tier dann, sich auf dem F# breitzumachen. Glücklicherweise nur auf der G-Saite, dafür aber mit einem, für mein Gefühl, sehr penetranten und fiesen Grinsen. Egal, ob laut oder leise gespielt: Der Ton bullert zum Davonlaufen.

Es gibt die – leider sehr aufwändige – Möglichkeit, einen Schwingungstilger innen an der Decke anzubringen, der die sich gegenseitig störenden Schwingungen von Saite und Korpus dämpfen soll. Eine teure OP. Ein Geigenbauer machte mir bzw. meinen Eltern vor etlichen Jahren ein Angebot dafür, an das ich mich nicht im Detail erinnern kann (das aber offenbar zu hoch war, als dass wir es hätten annehmen wollen). Vielleicht leiste ich mir ja irgendwann doch noch einen? Ich will in diesem Jahr sowieso dringend endlich einmal wieder ein paar Gebrauchsspuren ausbessern lassen; da werde ich das Thema nochmals aufs Tapet bringen. Bis dahin versuche ich mich damit zu trösten, dass man das F# ja nicht ganz so häufig braucht wie das F (jedenfalls nicht auf der G-Saite gegriffen).

Übrigens wäre da noch eine kleine klangliche Besonderheit, die mein geliebtes Cello auszeichnet: Es verstimmt sich leicht bei Kälte. Wenn ich, wie jetzt, im Winter mit ihm zu irgendeiner Probe muss, dauert das Stimmen oft ein bisschen länger. Aber das nehme ich ihm nicht übel; derlei sympathische kleine Macken gehören eben zur Persönlichkeit – und sind auch deutlich leichter zu ertragen als aufdringliche Haustiere.

Autor:

juliahartel

Freie Journalistin, PR-Texterin und Lektorin - www.die-textkomponistin.de

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