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„Musik ohne Risiko ist langweilig!“ Alban Gerhardt im Gespräch mit violinorum.de

Alban Gerhardt - Porträt von Nils-Christian EngelBackstage in Nürnberg: Der Cellist Alban Gerhardt über Cello-Pantomime, zu perfekte CDs – und die beste Methode, ein Stück auswendig zu lernen

In Sachen Medienpräsenz macht dem vielgelobten Alban Gerhardt ja so schnell keiner was vor. Mit den vielen „Zwitscherschnipseln“, die er aus seinem Künstlerleben in die Welt hinausflattern lässt, schürt er Neugier. Darauf, wie er sich live anhört. Und natürlich auch darauf, wie er so ist – „in echt“.

Als er Anfang des Jahres nach Nürnberg kommt, ergreife ich die Chance, ihn ganz ohne medialen Filter zu erleben. Und weil einer wie er es verdient hat, rücken wir sogar zu zweit an: Nils-Christian Engel mit der Kamera, ich mit einem Haufen Fragen im Gepäck.

Zusammen mit dem Bundesjugendorchester, mit dem er auf Wintertournee ist, spielt Gerhardt „Tout un monde lointain“ für Violoncello und Orchester von Henri Dutilleux – ein Werk, das er als „das beste Cellokonzert der letzten 50 Jahre“ bezeichnet. Es ist von der Lyrik Charles Baudelaires inspiriert, und mit seiner traumartigen Atmosphäre nimmt es mich ganz gefangen. In der Klangmagie, die Solist und Orchester entstehen lassen, nach Bezügen zu den Gedichtzitaten zu suchen, macht mir Spaß.

Für Alban Gerhardt bräuchte es diesen Literaturbezug gar nicht. „Das hat das Stück nicht nötig. Natürlich gibt es ihm noch eine andere Dimension, aber es ist so gut, dass es auch ganz für sich alleine stehen kann“, findet er. Wir sitzen in seiner Garderobe, während das Konzert noch läuft. Eigentlich hätte er gern noch weiter mitgespielt (den „Schleiertanz“ aus „Salome“ und „Also sprach Zarathustra“ von Strauß), aber gegen Ende des Dutilleux ist die A-Saite an seinem Goffriller gerissen, und außerdem merkt er wahrscheinlich, dass er uns so schnell nicht wieder loswerden wird. Darum lässt er´s dann doch bleiben.

Alban Gerhardt - Porträt von Nils-Christian Engel

Noten auswendig lernen – aber wie?

Dass er den Dutilleux, wie ich schon vorher erfahren habe, vor vielen Jahren innerhalb von drei Wochen auswendig gelernt hat, kann ich kaum fassen – für meine Begriffe ist er haarsträubend schwer! Wie geht sowas?! „Da gibt es eine bestimmte Lerntechnik, die auch bei Texten funktionieren soll“, erzählt Gerhardt. „Man starrt die Seiten sehr konzentriert nacheinander jeweils einige Sekunden lang an, und zwar so, dass alles ein bisschen vor den Augen verschwimmt. So gelangt das Notenbild ins Unterbewusstsein. Dann übt man ganz normal, mit Noten, und am Ende starrt man wieder. Das tut man über mehrere Tage; das eigentliche Auswendiglernen geht dann ganz schnell.“ Dabei ist das Auswendig-Können nicht nur beeindruckend, sondern für ihn auch in künstlerischer Hinsicht von Vorteil: „Ich bin dadurch beim Spielen viel freier und habe eine ganz andere Autorität über die Musik.“ Die Fingersätze, die Rostropovich in seiner Edition des Notentextes mitveröffentlicht hat, hat Gerhardt übrigens zuvor aus der Partitur entfernt. „Einige davon waren ziemlich schlecht – teilweise waren es welche, die normalerweise gar nicht in Notenausgaben gelangen. Ich glaube, dass Rostropovich die Edition auch gar nicht selbst gemacht, sondern jemandem vom Verlag seine Cellostimme in die Hand gedrückt hat, und der hat dann einfach alles, was der Altmeister da reingeschrieben hatte, eins zu eins übertragen. Meine Noten behalte ich generell gerne vollkommen ‚nackt‘: Wenn man Fingersätze festlegt, ist man festgelegt. Überhaupt lenkt alles, was man reinschreibt, von der Musik ab, die sich hinter den Noten versteckt. Und zu viele gedruckte Fingersätze erschweren mir auch das Auswendiglernen.“

Schonungslos ehrlich

Von kopfloser Ehrerbietung, das merkt man ziemlich schnell, hält dieser Alban Gerhardt also schon mal gar nichts. Und wie ist er sonst so – „in echt“? Beim Musizieren hochkonzentriert, souverän und natürlich technisch brillant; ansonsten ein bisschen zerstreut (als seine Saite reißt, schnappt er sich, ohne lange zu fackeln, ein Instrument von den hinter ihm sitzenden Tuttisten; beim Applaus nimmt er es dann versehentlich mit raus – und lässt es auch draußen …). Und auch im Gespräch wirkt er zuweilen ein bisschen fahrig, aber er hat viel zu sagen, und das mitunter mit schonungsloser Ehrlichkeit und recht – sagen wir – „leger“ im Ausdruck. Er gestikuliert, schneidet Grimassen und äfft nach, dass es eine Freude ist. Einen Großteil der Bilder musste Nils wahrscheinlich aussortieren, weil er sie vor Lachen verwackelt hat. Da sitzt einer, der weiß, dass er gut ist, und es auch sagt. Der aber andererseits kaum etwas unhinterfragt lässt und absolut keine Angst davor hat, irgendwelchen Ansprüchen nicht zu genügen. „Ich versuche einfach, so sehr ich selbst zu sein wie möglich, auf der Bühne auch, ohne diese bisschen dummen Allüren …“

Alban Gerhardt - Porträt von Nils-Christian Engel

Erste Musikerfreunde

Mit dem BJO als Institution fühlt er sich in besonderer Weise verbunden, denn als Jugendlicher hat er dort selbst mitgespielt. Die heutigen Mitglieder wiederum sind sehr stolz darauf, mit ihm arbeiten zu dürfen, und hätten sich an diesem Abend auch sehr gewünscht, dass er noch weiter mitspielt; er verspricht es der Tourleiterin für die nächsten Konzerte. „Ich war in der Schulzeit viel alleine, habe Klavier und Cello geübt und mit Schlümpfen gespielt. Meine Geschwister waren ja alle jünger als ich. Erst im Bundesjugendorchester habe ich dann Freunde gefunden, die auch Musiker waren. In einem Orchester mitzuwirken war absolut faszinierend für mich und hat die Ohren und das Herz noch mehr für Musik geöffnet.“ Wenn er heute mit dem BJO musiziere – es ist schon seine dritte Tournee mit dem Ensemble – merke er gar nicht, „dass es junge Leute sind: Die sind einfach so perfekt ausgebildet und professionell. Gewisse Sachen machen sie sogar besser als ein Profiorchester, weil sie so jung und enthusiastisch sind und viel mehr Zeit in die Stücke investiert haben. Außerdem musizieren sie disziplinierter und können auch leiser spielen.“

Zu laute Begleitung ist generell ein Thema, über das sich Alban Gerhardt gepflegt aufregen kann, zumal wenn der Komponist sie verbrochen hat. „Seit dem Dutilleux hat es kein Cellokonzert mehr geschafft, sich im Repertoire festzusetzen, und zwar weil viele zeitgenössische Komponisten oft ein zu dickes Orchester benutzen! Wenn zum Beispiel bei Dvorák das Cello einsetzt, dann schrumpft sofort die Partitur, und der Solist kämpft trotzdem ums Überleben, weil ein Cello im Konzertsaal eben eine limitierte Klangfülle hat. Und die modernen Komponisten beachten das oft nicht, hauen trotzdem die Soße rein, lassen zum Cello sämtliche Bläser mitspielen und Ähnliches. Aber das ist dann ja nur Pantomime!“

Die beiden letzten CDs: Unsuk Chin, Henry Vieuxtemps und Eugène Ysaÿe

Positives Gegenbeispiel für Gerhardt: das Cellokonzert von Unsuk Chin, das er letztes Jahr mit dem Seoul Philharmonic Orchestra eingespielt hat. Die gebürtige Südkoreanerin hat es ihm gewidmet, keineswegs aber „sehr passend in die Hand geschrieben. Aber das wollte ich auch gar nicht! Ich wollte, dass sie ein gutes Stück Musik schreibt!“ So habe Chin unter anderem das Lautstärkeproblem „ganz gut gelöst“, wenn sie auch angesichts der zum Teil minimalistischen Parts bestimmter Instrumente einen kleineren Orchesterapparat hätte einsetzen können („viel zu teuer für ein normales Orchester …!“), und darum sei es nicht nur möglich, sondern auch legitim, diesen nötigenfalls einfach zu verkleinern. „Partituren werden heute als so unantastbar angesehen. Das ist Schwachsinn!“ Davon unabhängig komme das Werk beim Publikum recht gut an: In Boston habe ihm eine Zuhörerin nach der Aufführung gesagt, sie sei tief bewegt, obwohl dies ihr erstes klassisches Konzert gewesen sei: „Das war ein Ritterschlag für das Stück!“

Auf der gerade neu erschienenen CD widmet sich Gerhardt Werken, die recht unbekannt sind, obwohl es sich dabei gar nicht um neue Musik handelt: den Cellokonzerten Nr. 1 a-Moll op. 46 und Nr. 2 h-Moll op. 50 von Henry Vieuxtemps sowie der „Méditation“ in h-Moll op. 16 und der „Sérénade“ in A-Dur op. 22 von Eugène Ysaÿe. Letztere hat Gerhardt vorher selbst nicht gekannt. „Ich wollte irgendwie die CD füllen, weil sie mir ein bisschen leer vorkam mit den zwei Konzerten (grinst), und da bin ich durch Zufall über diese beiden Stücke gestolpert. Vor allem die ‚Méditation‘ ist ein kleines Juwel!“ Und Vieuxtemps? „Ja, der Vieuxtemps … Da wollte meine Managerin einen Pressetext von mir haben, und ich hab gesagt: ‚Das ist aber schwer, das ist eigentlich gar nicht so tolle Musik …‘ (lacht) Aber dann hab ich in meine Aufnahme reingehört und gemerkt: Das ist ja gar nicht schlecht! (lacht immer noch) Ich war völlig überrascht! Es ist vielleicht kein Dvorák, aber es ist jedenfalls nicht viel schlechter als Saint-Saëns!“ Wie gesagt: Alban Gerhardt lässt nichts unhinterfragt. Am wenigsten wahrscheinlich das, was er selbst macht.

Dass Vieuxtemps (1820-1881) und Ysaÿe (1858-1931) es bisher noch nicht ins Standardrepertoire geschafft haben, erklärt er sich so: „Die Leute haben Angst vor Unbekanntem. Das Publikum – aber auch die Cellisten. Da will sich niemand eine Blöße geben. Der Perfektionsanspruch ist auch so hoch. Das liegt an den heutigen, viel zu perfekten CD-Aufnahmen! Die Musiker wollen im Konzert möglichst CD-Qualität abliefern, und das funktioniert natürlich auf den ausgetretenen Pfaden besser. Wenn man kein Risiko eingeht. Dabei ist doch Musik ohne Risiko völlig langweilig!“

Alban Gerhardt - Porträt von Nils-Christian Engel

Sieben Tage das Cello nicht angucken

Jetzt will ich noch das eine oder andere zu seinem „Künstleralltag“ wissen. 200 Tage im Jahr in aller Welt unterwegs – wie schafft man das kräftemäßig? „Ich kann mich vor einem Konzert innerhalb kürzester Zeit ganz tief entspannen, sofort einschlafen und bin dann nach einer halben Stunde ganz wach. Auch im Flugzeug im Sitzen zu schlafen ist kein Problem. Und ich kann sehr schnell umschalten: Wenn ich acht Stunden zu Hause bin, kann ich ganz faul sein, gar nix tun, bisschen was kochen, lesen, mit meinem Kleinen spielen … Manchmal war ich auch schon sieben Tage zu Hause und hab in der ganzen Zeit das Cello nicht angeguckt.“ Viel Arbeit würde er von unterwegs aus erledigen: im Zug oder am Flughafen, „in dieser toten Zeit“. Auch ans Twittern – das für heutige Künstler extrem wichtig sei, auch wenn er es gar nicht so recht verstehen könne („Ich weiß nicht, was man da rausziehen kann, das sind doch einfach viel zu viele Informationen!“) – denkt er nur, wenn er auf Reisen ist.

Wenn für den nächsten Monat die Uraufführung eines neuen Cellokonzerts von Philipp Maintz geplant ist – übrigens wiederum in Nürnberg –, sieht Gerhardts Zeitplan so aus: die nächsten Wochen lockeres Üben (die Partitur hat er bisher noch gar nicht komplett gesehen), zwei Tage vor dem Konzert morgens um acht Abliefern des kleinen Sohns bei der Tagesmutter, Fahrt nach Nürnberg, Probe, am folgenden Tag noch mal Probe, am darauffolgenden Generalprobe und Konzert. Und das, obwohl der Cellopart, den ihm der Komponist zugemailt hat, auf den ersten Blick „unfassbar schwer“ aussieht. Einen normalen Menschen könnte so etwas nervös machen – Alban Gerhardt nicht.

Tapferer Arbeiter

Und was gibt es noch über sein Goffriller-Instrument zu sagen? „Klanglich ist es auf jeden Fall ein typisches ‚Cello-Cello‘ und kein ‚Geigen-Cello‘, das heißt es hat zwar sehr viel Tiefe, aber oben ist es nicht besonders brillant. Insgesamt ein ganz tapferer Arbeiter, sehr zuverlässig, aber kein großartiges Instrument, nichts Exquisites.“ Eine echte „Verbindung gespürt“ habe er bisher sowieso noch nie mit einem Cello – wohl aber mit einem Bogen: „Mein ‚Kittel‘, das ist ein richtig guter Bogen. Eigentlich hänge ich überhaupt nicht an Materiellem, aber nachdem der mal kaputtgegangen war, hatte ich oft Albträume.“

Von nebenan aus dem Saal hören wir Applaus – das Konzert ist vorbei. Alban Gerhardt muss noch heute Abend weiter, wohin, habe ich vergessen. Das macht aber nichts – er wird es mir zwitschern.

Autor:

juliahartel

Freie Journalistin, PR-Texterin und Lektorin - www.die-textkomponistin.de

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