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Musikvermittlung in der Musikschule: ein Paradoxon?

Wir bringen mit viel Einsatz, Geduld und Ideen unseren SchülerInnen bei, wie sie richtig sitzen oder stehen, wie man sauber musiziert, einen möglichst schönen Ton hervorbringt usw. Was wir ihnen nicht beibringen, ist der ganze Rest, der zur Gestaltung eines erfolgreichen, emotionalen Konzerterlebnisses gehört. Und das, obwohl man auch bei ganz jungen MusikerInnen an so viel Kreativität und Wissen anknüpfen kann – so das Fazit meines diesjährigen Kammermusik-Ferienkurses „Woraus besteht Musik?“, der im Oktober an der Musikschule „Fanny Hensel“ in Berlin stattfand.

Die Worte „Musikvermittlung“, „Education-Projekt“ oder „Jugendkonzert“ sind heute längst keine modischen Schlagworte mehr in den Kreisen der KulturmanagerInnen und KulturvermittlerInnen, der Konzert- und Operninstitutionen oder der vielfältigen und hervorragenden Aktivitäten von Festivals und Organisationen wie „YEAH!“ oder „Jeunesses Musicales“.

Seit einigen Jahren schon sind Formen und Projekte der Musikvermittlung auch für viele MusikerInnen zu einer etablierten Ausdrucks- und Arbeitsform geworden. Konzerte und Aufführungen werden bei diesem Ansatz so konzipiert und durchgeführt, dass Uhrzeiten und Konzertdauer, Räumlichkeiten, inhaltliche Umrahmung, mediale Aufbereitung usw. dem jeweiligen Zielpublikum entsprechen, ihm eine umfassende Art der Auseinandersetzung mit der Musik ermöglichen und bestenfalls sogar neue ZuhörerInnen anlocken.

Wie sieht es aber mit diesem erweiterten Begriff von Musikvermittlung in der Musikschule und in der instrumental- oder gesangspädagogischen Arbeit von PrivatmusiklehrerInnen aus? Die Antwort ist kurz: mittelprächtig.

Musikvermittlungsangebote und –projekte im Kontext des sogenannten „Audience Development“ im professionellen Konzertbetrieb grenzen sich bewusst von einer explizit pädagogischen Zielsetzung ab. Demgegenüber haben konzertpädagogische Anteile in der traditionellen Instrumental- oder Gesangsausbildung, wie sie beispielsweise an Musikschulen und durch private MusiklehrerInnen vermittelt wird, nach wie vor wenig Raum. Dies ist umso verwunderlicher, als dass gerade in diesem Bereich in den letzten 25 Jahren enorme methodisch-didaktische Entwicklungen spürbar geworden sind.

Wir bringen also mit viel Einsatz, Geduld und Ideen unseren SchülerInnen bei, wie sie richtig sitzen oder stehen, wie man ein „f“ oder „fis“ musiziert, wie man einen möglichst schönen Ton hervorbringt, wie man Noten liest oder Rhythmen klopft. Was wir ihnen – in der Regel – nicht beibringen, ist der ganze Rest, der zur Gestaltung eines erfolgreichen, emotionalen Konzerterlebnisses gehört: Was weiß das Publikum eigentlich über das Stück, was ich vorspiele? Was weiß ich selber darüber? Könnte man vielleicht mein Stück und das der anderen SchülerInnen zu einem Thema zusammenfassen? Ist das Konzert/ sind die Stücke (zu) lang oder (zu) kurz? Könnten wir den Raum anders gestalten? Wie könnte ein selbstgemachtes Programmheft aussehen? Und was heißt eigentlich das Wort Bühnenpräsenz?

Die Musikpädagogin Bianka Wüstehube beispielsweise hat genau an der Schnittstelle von Konzertgestaltung und Musikunterricht seit Jahren Pionierarbeit geleistet und eigene Projekte in der Spezialausgabe „Achtung: Auftritt!“ (Üben & Musizieren, Mainz 2005) veröffentlicht. Wie aber lässt sich nun die hohe Spezialisierung beim Erlernen eines Instruments mit den Arbeitsweisen der Musikvermittlung kombinieren?

Dieser Frage wurde in dem Kurs „Woraus besteht Musik?“ nachgegangen. Mit Unterstützung der Musikschule „Fanny Hensel“ Berlin-Mitte konnten erstmals Teile eines 2009-2011 von mir entwickelten Konzepts umgesetzt und erprobt werden. Die wesentlichen Aspekte, die mich bei diesem Konzept interessierten, waren der historische Konztext pädagogischer Musik sowie die Förderung von außermusikalischen Fähigkeiten und Kenntnissen im Musikunterricht.

An fünf aufeinander folgenden Nachmittagen in den Herbstferien arbeitete ich mit 6 TeilnehmerInnen (Cello, Klavier und Geige) im Alter zwischen 9 und 12 Jahren. Abwechselnd wurde an kleinen Kammermusikstücken geübt und gearbeitet. Diese waren ausgewählt aus den stilistischen Bereichen Barock, Klassik und Rock/Pop. Unterteilt wurden die Proben durch musiktheoretische Phasen. Wir beschäftigten uns mit Themen wie z.B. Rhythmus, Dynamik, Instrumentation oder Musikepochen. Verbunden wurden diese beiden Herangehensweisen mit einem kleinen „Projekt“, welches jedes einzelne Kind sich erarbeitete. Dieses bestand aus einem kurzen, vom jeweiligen Lieblingsstück der Kinder handelnden Vortrag, welcher im Rahmen des Abschlusskonzertes das Publikum auf das Programm einstimmte.

Eine besondere Rolle während der Vorbereitung und schließlich in der Kursarbeit selber spielten die Allgemeinen Gestaltungsprinzipien nach Rebekka Hüttmann (Wege der Vermittlung von Musik, Augsburg 2009), die Ansprache und Sensibilisierung der fünf Sinne (Hören – Bewegen/Tasten – Riechen – Schmecken – Sehen) sowie Elemente von Komposition und Improvisation.

Für einige der ursprünglich geplanten Inhalte erwies sich die Zeit letztendlich als zu knapp, und doch war der Lerneffekt auf beiden Seiten bemerkenswert. Für mich als Lehrkraft bot sich zum einen die Reflexion meines Musikunterrichts und meiner künstlerischen Tätigkeit als Musikerin, zum anderen die Erprobung eines neuen „Produkts“ und der damit verbundenen Herausforderungen. Doch die Quintessenz verdankte der Kurs seinen kleinen Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Wie bekommt man als Musikschule oder als PrivatmusiklehrerIn spannend gestaltete Konzerte? Man fragt seine Schülerinnen und Schüler.

Das Fazit dieses Nachklangs ist ein Plädoyer für deren Kreativität. Denn das, was die Kinder jeden Tag des Kurses aufs Neue an Ideen- und Gestaltungspotential einbrachten, übertraf bei weitem das, was ich als Kursleiterin mir je hätte ausdenken können. Dies umfasste nicht nur musiktheoretische Themen, die die Kinder schon kannten und benannten, und die ein wunderbar weites Feld an Anknüpfungspunkten eröffneten. Sondern es berührte vor allem die Assoziationen und Anregungen zur Gestaltung des Konzerts, des Ablaufs, der Raumbeleuchtung, möglicher Fortsetzungsveranstaltungen, technisch-medialem Background…

Der organisatorische Aufwand, diesen Schatz zu heben und zur Geltung zu bringen, ist sicherlich erheblich und ein Vorhaben dieser oder ähnlicher Art wird immer abhängig sein von gegeben Strukturen und Ressourcen. Jedoch sei hier proklamiert: die Möglichkeiten zu Dramaturgie und Gestaltung des Konzertumfeldes sollten jedem und jeder Musiklernenden mit auf den Weg gegeben werden!

Autor:

franziskakraft

Mitglied von violinorum.de

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