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„Nächster Kundendienst in: 15.000 km Notenpapier!“

Mit dem Auto zum Kundendienst oder zum Reifenwechseln zu müssen, ist mir immer wieder ein Graus. Nicht nur, weil es in Autowerkstätten laut ist und ich dauernd das Gefühl habe, überall im Weg zu stehen, sondern weil ich dort stets das zu spüren bekomme, was ich den „Frau-Faktor“ nenne. (Der Mechaniker fragt mich etwa sowas wie: „Sollen wir dann auch auswuchten?“ Ich: „Äh, ja, ich denke … schon?“ Er, mit süffisantem Lächeln: „Ja, würd´ ich Ihnen auch empfehlen.“ Verflixt, ich muss mich echt besser vorbereiten …)

Da ist es doch deutlich angenehmer, mit dem Cello zum Geigenbauer zu gehen. Für den in diesem Jahr unbedingt fälligen „Kundendienst“ habe ich mir einen Cello-Experten in Baiersdorf auserkoren: Lothar Semmlinger.

Als ich ihn am Telefon frage, ob er sich meines Instruments annehmen würde, reagiert er sehr zurückhaltend. Ob es wertvoll sei, will er wissen. Als ich ihm den damaligen Kaufpreis nenne, ändert sich an seiner Zurückhaltung nicht viel. Doch schlussendlich meint er, ich dürfe vorbeikommen, er werde es sich ansehen.

Lothar SemmlingerIch bin nicht eingeschnappt. Als Geigenbaumeister hat Semmlinger natürlich nicht in erster Linie eine Reparaturwerkstatt; vielmehr begreift er sich als Kunsthandwerker, der qualitativ hochwertige Streichinstrumente erschafft – sie sollen an die großen Instrumente der alten Meister erinnern. 1980 hat er seine eigene Firma gegründet; 1994 erweiterte er sie durch die Übernahme der Werkstatt von Benedikt Lang in Mittenwald. Auch seine beiden Söhne lernen bei ihm; hier geht es also um die Weitergabe einer Familientradition!

Als ich ihm dann mein Cello zeige, kommt es mir aber so vor, als könne er gar nicht anders, als diesen „Patienten“ zu behandeln – Wert hin oder her. Das erste, was ihm auffällt, ist der leicht schief stehende Steg. Ihn bringt er sofort wieder in den richtigen Winkel.

Was ihm ebenfalls gleich ins Auge fällt: Der Steg sei außergewöhnlich hoch. Als er mich fragt, ob sich das Cello deshalb nicht „hart“ spiele, verspüre ich für einen ganz kurzen Moment so etwas wie einen „Hobbycellisten-Faktor“. Was soll ich darauf antworten?! Ich bin ja an mein Instrument gewöhnt und habe kaum Vergleichsmöglichkeiten. Tatsächlich kann ich mich gar nicht erinnern, wann ich zuletzt ein anderes Cello ausprobiert habe … Aber wenn es wirklich stimmt, dass es sich mit einem niedrigeren Steg bequemer spielt, soll er ihn gerne niedriger machen!

Nächste Baustelle: die Optik. Ich hatte mein Cello wirklich zuletzt vor etlichen Jahren – sprich vor unzähligen Kilometern Notenpapier – beim Fachmann (damals bei Joachim Roy in Mittenwald), weswegen inzwischen sehr viele Lackschäden den schönen Korpus verunzieren. An der Schnecke ist gar ein kleines Stück abgebrochen (ich weiß nicht einmal mehr, wie das passiert ist!), und am linken F-Loch befindet sich ein kleiner Riss. Das ist aber alles nicht weiter tragisch – ein Cello ist eben ein Gebrauchsgegenstand und nicht nur zum Anschauen da –, und behebbar ist es auch.

Um ganz ehrlich zu sein, hatte unser letzter großer Reparaturtermin in Mittenwald schon einen deutlich dramatischeren Anlass. Ich hatte meinen Cellokasten – wie üblich – über der Schulter getragen, als plötzlich der Karabiner zerbrach und der Kasten auf die Steintreppe knallte, die ich gerade hinaufstieg. Dass sich dieser Unfall unter den Zweigen einer Muschelzypresse ereignete, machte das Ganze nicht romantischer – der Steg war zersplittert. In besagter Werkstatt von Joachim Roy, die mir damals empfohlen wurde, konnte der Schaden aber glücklicherweise behoben werden.

Dass ich dieses Mal nicht wieder zu Roy ging, hat übrigens schlicht den Hintergrund, dass Mittenwald von mir aus gesehen nicht gerade um die Ecke liegt. Außerdem: Warum sollte ich es nicht ausnutzen, dass ich inzwischen so nah an einer anderen deutschen „Geigenbauer-Hochburg“, der Region Bubenreuth/Baiersdorf, wohne?

Mein ganz großes Anliegen ist der Wolf auf dem Fis. Semmlinger sucht einen Schwingungstilger heraus und befestigt ihn testweise außen am Korpus. Er spielt und – der Wolf ist weg! Meine Sorge, ein solches Teil sei unerschwinglich, erweist sich dann auch noch als unbegründet: 70 Euro sind doch wirklich moderat. Wir einigen uns über einen Gesamtpreis für alle Reparaturen und ich darf mein Instrument gleich dalassen.

Als ich es vier Tage später abhole, bin ich auf den ersten Blick begeistert: Mein Cello strahlt mich an – die Lack- und sonstigen äußeren Schäden sind quasi nicht mehr zu sehen. Und auch der Wolf ist endlich verschwunden. Semmlinger meint zwar, er sei nicht ganz weg – es sei wohl ein „schwieriger Wolf“ –, doch entweder ist er übermäßig selbstkritisch oder ich werde langsam schwerhörig, aber ich nehme tatsächlich überhaupt kein Bullern mehr wahr und bin total happy!

Die einzige Maßnahme, die meiner Meinung nach keine merkliche Veränderung gebracht hat, war das Erniedrigen des Stegs: Das Spielen fühlt sich eigentlich an wie vorher. (Dafür gibt es natürlich nur eine Erklärung: Meine Finger sind einfach so unerhört muskulös und durchtrainiert, dass sie gar nicht weniger stark aufdrücken können … ;-))

Insgesamt jedoch, so mein Gefühl, war dieser Kundendienst jeden Cent wert. Und: Ich glaube, ich bin auch gar niemandem im Weg gestanden!

Autor:

juliahartel

Freie Journalistin, PR-Texterin und Lektorin - www.die-textkomponistin.de

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