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Neue CD: Werke von Tobias Broström mit der „Västerås Sinfonietta“ und Mats Rondin

Brostroem CD-CoverWenn mir Neue Musik zum Besprechen auf den Schreibtisch kommt, ist das für mich immer so ein bisschen wie Weihnachten (nur dass die CDs im Normalfall nicht in Geschenkpapier eingewickelt sind). Endlich alles mal dagewesen? Fehlanzeige. Es gibt immer wieder Neues zu entdecken.

Als ich die neue CD mit drei Konzerten von Tobias Broström auspacke – darunter ein Cellokonzert, eingespielt von Mats Rondin –, muss ich mich zugegebenermaßen erst mal ein bisschen einlesen.

Broström ist Schwede, 1978 geboren, und hat Perkussion und Komposition studiert. Anfänglich schrieb er schwerpunktmäßig für Kammeroper und Kammermusikensembles (darunter logischerweise auch so einiges für Schlaginstrumente), bevor er begann, sich auf den Bereich Symphonik zu konzentrieren. Mit seinen Werken genießt er offensichtlich internationale Anerkennung. Ich persönlich kann mich zwar nicht erinnern, dass mir schon einmal eines davon zu Ohren gekommen wäre (vielleicht sagen dem einen oder anderen die Titel „Lucernaris“ oder „Transit Underground“ irgendwas?), aber im deutschsprachigen Raum scheint sein Bekanntheitsgrad auch immer noch am niedrigsten zu sein. Nun, das könnte sich ja jetzt ändern!

Auch Cellist und Dirigent Mats Rondin ist in Schweden augenscheinlich äußerst bekannt, während ich ihn definitiv noch nie erlebt habe – das Konzert mit dem „Stockholm Philharmonic Orchestra“ anlässlich der Hochzeit von Kronprinzessin Viktoria, das er dirigiert hat, habe ich wohl irgendwie verpasst …

Das einsätzige Cellokonzert auf der vorliegenden CD hat Broström 2011 eigens für Rondin geschrieben. Das Besondere daran: Der Solist kann hier tatsächlich in einer Doppelrolle agieren, indem er im Mittelteil sein Instrument verlässt, um das Orchester – die Västerås Sinfonietta in diesem Fall – zu dirigieren.

Der Beginn ist sehr effektvoll: Im tiefen Register ertönen abwechselnd zwei Dreiklänge wie die Schläge riesiger Glocken. Die Musik schraubt sich sukzessive in die Höhe, dann erscheint das erste – pentatonische und auf drei Noten aufgebaute – Motiv im Solopart, auf das das Orchester antwortet. Dieses sich noch ein wenig fortsetzende Zwiegespräch bleibt die ganze Zeit über von den Glockenschlägen unterlegt. (Ich muss an einen Oger denken, der verschlafen, langsamen Schritts, aus seiner Höhle gepoltert kommt.) Nach und nach steigert sich das musikalische Geschehen, die Glockenschläge werden schneller, eine Posaunen-Fanfare ertönt, im Solocello passieren immer wüstere Dinge (fiese kleine Zwerge greifen den Oger an!), und dann kommt auch noch das Klavier dazu. Doch kurz bevor man gar nicht mehr durchblickt, setzt ein ruhigerer, choralartiger Abschnitt ein – nämlich jener Teil, der vom Solisten dirigiert wird, und der von wie Arpeggien durch die Instrumentengruppen hindurch sich aufbauenden Harmonien bestimmt ist. Für kurze Zeit kehrt auch das Dreiklangsmotiv des Anfangs wieder zurück, um schließlich in eine freie Kadenz überzuleiten. Hier kann der Solist mit allem experimentieren, was so an Sounds aus einem Cello herauszuholen ist: Flageoletts, am Steg gekratzte Tremoli etc. Im letzten Teil kommt noch einmal die frühere Unruhe zurück, bevor die Motive der Einleitung wieder aufgenommen werden – nun allerdings rhythmisch deutlich stärker akzentuiert. Und schließlich steigt das Cello, das längere Zeit Pause hatte, nochmals ein, um gemeinsam mit dem Orchester in flächigen, von pulsierenden Flöten- und Triangelklängen begleiteten Dissonanzen zu verklingen.

Eines ist klar: Nichts, aber auch nichts von alledem hat die Eigenschaft, dem Zuhörer ins Ohr zu gehen! Ich habe auch den Eindruck, dass die Musiker – speziell Rondin als Solist – in erster Linie die vielfältigen Klangfarben herausarbeiten wollen. Ein tieferliegender Ausdruck hinter dem musikalischen Geschehen wird für mich hingegen nur passagenweise spürbar.

Die anderen beiden Werke auf der CD werden von Johannes Gustavsson dirigiert: „Samsara“, ein Doppelkonzert für Violine (Hugo Ticciati) und Marimba (Johan Bridger), und „Dreamscape“, Letzteres geschrieben für E-Violine, E-Klarinette und – jawohl! – zwei Laptops. Auch hierbei handelt es sich um eine maßgeschneiderte Komposition, die Broström 2010 für das schwedische Duo „essens: 1“ (Ian Peaston und Per Johansson) schuf.

„Dreamscape“ ist natürlich auch so ein bisschen der „Clou“ des ganzen Albums. Die Inspiration dazu kam dem Komponisten, wie er im Booklet informiert, beim Aufwachen aus einem Traum, der sich für ihn nach und nach in eine musikalische Landschaft verwandelte. Dementsprechend besitzt das Stück, vor allem in den Rahmenteilen, einen flächigen, fließenden Charakter, dem Violine und Klarinette kontrastierend einzelne Akzente entgegensetzen. Der Mittelteil besteht aus einem bewegten Duett der Soloinstrumente (Broström nennt es „traditionell“ und „melodisch“ – Attribute, die mir nicht unbedingt als Erstes eingefallen wären …), in das das Orchester nur von Zeit zu Zeit „hineinfunkt“. Der letzte Teil wird von einem lebhaft strömenden, wogenden Rhythmus der Violine bestimmt, in den die Klarinette phasenweise einsteigt, um dann wieder einen Kontrapunkt dazu zu bilden. Durch die Verkabelung der Soloinstrumente mit den Laptops sind spezielle digitale Effekte wie Live-Looping-Techniken, Verzerrungen, Echos und die Einspielung vorher aufgenommener Elemente möglich – natürlich alles sehr wirkungsvolle Mittel zur Erzeugung einer tatsächlich „traumartigen“ Atmosphäre.

„Samsara“ ist angelehnt an die in den indischen Religionen vorherrschende Vorstellung von einem ewigen Kreislauf von Geburt, Leben, Tod und Wiedergeburt. Große Teile des Werks basieren auf der Rhythmussprache „Konnakol“, bei der perkussive Muster in gesprochene Silben übertragen werden. Violine und Marimba sollen dies abbilden, indem sie in einem auf einem immer wiederkehrenden Rhythmus basierenden Kanon miteinander konkurrieren. Und noch ein typisches Element aus der indischen Musik begegnet in „Samsara“: Bordunklänge. Auch in dieser Komposition also wird dem Facettenreichtum an verschiedensten Sounds eine große Bedeutung verliehen.

Insgesamt ein äußerst kreatives Stück Arbeit, das eine unverkennbare Handschrift trägt und die Lust weckt, selbst mal bei so einem „Broström“ mitzuspielen.

Tobias Broström:
Cello Concerto – Samsara (Double Concerto) – Dreamscape
Västerås Sinfonietta
Mats Rondin
Johannes Gustavsson
Hugo Ticciati
Johan Bridger
essens: 1

dB Productions (Klassik Center Kassel)
76:00 Min.

Autor:

juliahartel

Freie Journalistin, PR-Texterin und Lektorin - www.die-textkomponistin.de

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