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Neue Noten: Die Goldberg-Variationen für Streichtrio, arrangiert von Annette Bartholdy (Breitkopf & Härtel)

Cover der Ausgabe: Johann Sebastian Bach, Goldberg-Variationen, arr. von Annette Bartholdy - Breitkopf & HärtelDass Bachs „Goldberg-Variationen“ (BWV 988) zeitlos schön sind, wissen wir. Dass sie auch überraschend wandlungsfähig sind, ist hingegen vielleicht nicht jedem bewusst.

Ursprünglich für Tasteninstrumente geschrieben, wurde das Werk (im Original betitelt mit „Clavier Ubung bestehend in einer ARIA mit verschiedenen Verænderungen vors Clavicimbal mit 2 Manualen“) von der Bratschistin Annette Bartholdy für Streichtrio arrangiert.

Der Einfall an sich ist nicht ganz neu. Dmitri Sitkovetsky etwa hatte die Komposition schon 1984 entsprechend bearbeitet und mit Gérard Caussé und Misha Maisky zur Aufführung gebracht. Das Ganze mit Violine, Viola und Cello zu besetzen erscheint ja auch plausibel – es ist schließlich dreistimmig angelegt.

Keine Ausgabe, meint die Arrangeurin, bleibe aber so nahe am Original wie ihre neue, bei Breitkopf & Härtel erschienene Fassung. Die Edition kommt mit den drei Einzelstimmen sowie einer Gesamtpartitur. „Oft wurden in früheren Bearbeitungen Oktavierungen und Verdoppelungen vorgenommen, die gar nicht nötig sind“, erklärt Bartholdy. Des Weiteren achtete sie sorgfältig darauf, „dass nur jene Verzierungen abgedruckt wurden, die Bachs Vorlage vorgibt“. Natürlich sei es trotzdem möglich, hier zu variieren, etwa in den Wiederholungen: „Das ist Interpretationssache und jedem selber überlassen.“ Und auch die Dynamik ist selbstständig zu erarbeiten, da hierzu keine Angaben des Komponisten vorliegen und die Ausgabe somit ebenfalls darauf verzichtet.

Was mich am meisten umtreibt, ist die Frage der guten Spielbarkeit. Wie kann denn etwas, das für einen ganz anderen Instrumententyp geschrieben wurde, auch für Streicher gut liegen?! Ich mache den Test und versuche mich am Cellopart. Und in der Tat: Das kann man wirklich spielen, wobei es natürlich teilweise sehr anspruchsvoll ist. (Annette Bartholdy hat hierzu noch eine – sehr treffende – Anmerkung: „Wer Bachs Solo-Sonaten für Violine und die Solo-Suiten für Cello kennt, weiß auch, dass es Bach nie in erster Linie darum ging, dass etwas ‚gut in der Hand liegt‘ …“ Ja, da ist was dran.)

Wie steht es eigentlich insgesamt um den Schwierigkeitsgrad des Werks? „Die Interpretation der Aria mit ihren 30 Variationen als Ganzes verlangt einen sehr sorgfältigen Aufbau, damit das Werk nicht zu einem Abspulen von virtuosen Einzelstücken verkommt. Die emotionalen Höhe- und Tiefpunkte des Werks müssen genau erkannt werden, um den Zuhörer mit auf eine Reise nehmen zu können. Es verlangt vom Interpreten alles: Intelligenz, technische Perfektion, tiefe Musikalität“, sagt Bartholdy. Die Reduktion der drei Stimmen auf „nur noch“ eine einzige pro Musiker in der Streichtrio-Fassung bedeutet darum auch keineswegs eine Vereinfachung; der Anspruch des Werks bleibt trotzdem bestehen. Zudem entstehen ja durch das Ensemblespiel neue Herausforderungen: „Das Werk fordert vom einzelnen Musiker beides: technisches und musikalisches Können auf höchstem Niveau und Ensemblespiel auf höchstem Niveau. Obschon jeder der drei Streicher nur eine Stimme spielt, müssen alle die Partitur, das heißt das Original, genau kennen.“ Die Geige habe dabei den virtuosesten Part, was dem Instrument sehr gelegen komme. Die Bratsche müsse sich enorm genau ins Ensemble einfügen können, was ebenfalls dem Naturell des Instruments entspreche. „Und das Cello gibt dem Ganzen den Boden, trägt das Ensemble sozusagen. Jeder hat die Rolle, die zu ihm passt.“

Nächster fraglicher Punkt: Geht durch die neue Besetzung womöglich irgendetwas verloren? Stellt das Werk besondere Anforderungen, die das Streichtrio – im Gegensatz zum Tasteninstrument – nicht erfüllen kann? „Da kommt es sehr auf die Qualität der Interpretation an: Wenn die drei Streicher es schaffen, absolut präzise und musikalisch hochstehend zusammenzuspielen, geht nichts verloren – im Gegenteil“, findet Bartholdy. Durch die Streichinstrumente gewinne das Werk an Klangfarben, die ein Tasteninstrument nicht geben könne. Und auch das stimmt, die Hörproben auf iTunes liefern den Beweis: Die Komposition wird durch die drei verschiedenen Instrumente deutlich bunter. Überhaupt entwickelt sie aufgrund der veränderten Besetzung einen ganz neuen Charakter, berührt noch tiefer, erzeugt noch größere Spannung. Ein „Gespräch“ zwischen einer Violine und einem Cello oder einer Violine und einer Viola wirkt einfach interessanter, als wenn sich ein Instrument nur mit sich allein unterhält. Diese schon eingangs angesprochene Wandlungsfähigkeit ist, wie gesagt, absolut verblüffend.

Fazit: Eine wunderbare und mit vorbildlicher Sorgfalt ausgeführte Idee, über die sich die Streicherwelt freuen darf! Denn endlich kann sich auch unsereiner dieses geniale Werk zu eigen machen.

Und was hätte Bach selbst wohl dazu gesagt? Annette Bartholdy hat da keine Bedenken: „Bach war zum Glück ein sehr offener, neugieriger Mensch. Er hat viele seiner eigenen Werke für andere Instrumente umgeschrieben (zum Beispiel das Violinkonzert in a-Moll für Cembalo). Ich glaube, er hätte sich über diese Ausgabe gefreut!“

Bach, Johann Sebastian: Aria mit verschiedenen Veränderungen (Goldberg-Variationen) BWV 988.
Bearbeitung für Streichtrio von Annette Bartholdy.
Partitur und Stimmen, Breitkopf & Härtel KM 2307.

Autor:

juliahartel

Freie Journalistin, PR-Texterin und Lektorin - www.die-textkomponistin.de

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