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So viel mehr als Etüden: Die Cello-Solosuiten op. 131c von Max Reger

Karen Buranskas, CD Max Reger Cello-SuitenDas „Allerheiligste des Cello-Repertoires“ hat ein Kollege die Bach-Solosuiten einmal genannt. Ungeachtet des kontextbedingt möglicherweise leicht ironischen Untertons trifft das natürlich den Kern. Kaum ein anderes Werk für Cello wird mit so viel Ehrfurcht behandelt und scheint gleichzeitig so allgegenwärtig (in Konzerten, in Programmen für Eignungs- bzw. Diplomprüfungen an Hochschulen oder auf CDs – Ditta Rohmann hat gerade erst, ergänzend zu ihrem ersten Bach-Album, ihre Interpretation der Nummern 2, 4 und 6 veröffentlicht).

Das hat natürlich seine Gründe. Meisterlich komponiert (sprich: von erhabener Schönheit), wie sie sind, kann man zugleich jede Menge an ihnen lernen. Anders als zum Beispiel Etüden sind sie aber sehr viel mehr als eine „Übegattung“. Denn man muss sie nicht nur technisch beherrschen, sondern auch noch wirklich musikalisch vortragen. Und das ganz „nackt und bloß“, ohne Begleitinstrument.

Bach blieb, wie man weiß, als Komponist von Solosuiten nicht allein. Im 20. Jahrhundert versuchten sich gleich mehrere Komponisten an dieser Gattung. Sehr bekannt sind natürlich die drei Suiten für Violoncello solo op. 72 (1964), op. 80 (1967) und op. 87 (1972) von Benjamin Britten. Weniger bekannt dürften sein:
Gaspar Cassadó, Suite für Violoncello (1921),
André Jolivet, Suite en concert für Violoncello (1965) und
Alexander Tcherepnin, Suite für Violoncello solo op. 76 (1946).

Und dann wäre da noch ein Komponist – einer, den man eigentlich eher mit Orgelmusik verbindet: Max Reger. Seine drei Suiten für Cello solo op. 131c entstanden 1914, offenbar hauptsächlich zum Zweck persönlicher Kompositionsstudien und gar nicht unbedingt für die Aufführung im Konzert gedacht, sondern eher für den Cellounterricht.

Neue CD aus der Neuen Welt
Die wohl aktuellste Einspielung der Reger-Suiten stammt aus den USA, und zwar von Karen Buranskas, einer Dozentin für Violoncello an der „University of Notre Dame“ im Staat Indiana. Ihre Verbindung zu Reger ist schnell erklärt: Buranskas hat unter anderem bei Fritz Magg studiert, dessen Lehrer, Paul Grümmer, wiederum der Widmungsträger von Regers dritter Solosuite war. Auch die anderen beiden Suiten sind wichtigen deutschen Cellisten gewidmet: die G-Dur-Suite Julius Klengel, die zweite (in d-Moll) Hugo Becker. Das Album hat Buranskas im Gedenken an Magg aufgenommen.

Zukunftsweisend, mit Bach im Rückspiegel
Darüber hinaus ist Buranskas aber auch von den kompositorischen Qualitäten des Werks überzeugt. Nicht umsonst ging es ja, entgegen Regers Intention, schon sehr bald ins Konzertrepertoire über. Der Komponist bezieht sich darin in weiten Teilen auf die tradierten Formen der Suitensätze: Am Anfang steht jeweils ein Präludium, in Nr. 1 folgen dann Adagio und Fuge, in Nr. 2 Gavotte, Largo und Gigue und in Nr. 3 ein Scherzo und ein Andante con Variazioni. Sehr eindeutig ist, so Roger Lebow im Booklet, auch der Bezug auf den Hochbarock, insbesondere auf Bach, und zwar gerade in strukturellen Fragen (zum Beispiel hinsichtlich des Phrasenaufbaus). Doch Reger geht weit über das bloße Aufgreifen musikalischer Traditionen, die er sicherlich weiterpflegen will (siehe auch das Konzept „Thema und Variationen“ im Schlusssatz!), hinaus: Er versieht sie mit seiner eigenen Handschrift, vor allem mit seinem ureigenen emotionalen Ausdruck, der vielleicht das Hauptkriterium für die Anziehungskraft des Werkes darstellt. Bei aller Wehmut, die manche Sätze bestimmt, zeichnet sich die Suite auch durch kompositorischen Witz aus. Gerade das G-Dur-Präludium scheint das erste Präludium der Bach-Suiten zu parodieren. Harmonisch bewegt sich op. 131c teils in der Spätromantik, teils im 20. Jahrhundert, und technisch geht es in Bereiche, die Cellisten zu Bachs Zeiten unbekannt waren.

Karen Buranskas` Interpretation überzeugt mich durchaus. Stellenweise wirkt sie vielleicht ein wenig angestrengt und schleppend, jedenfalls deutlich weniger schwungvoll als etwa Alban Gerhardts Aufnahme von 2008. Buranskas Ton ist aber kraftvoll und ihre Art, jeder einzelnen Note Bedeutung zu verleihen, ihre dumpfe Melancholie, scheint mir eigentlich sogar besser zur Musik zu passen als Gerhardts hellstimmiger Trauergesang.

Was lässt sich an Reger besonders gut üben, was an Bach?
Der beschriebene Bezug auf Bachs Suiten lädt natürlich geradezu zu einem Vergleich der beiden Werke ein. Ich frage bei Karen Buranskas nach, was es unter dem „Trainingsaspekt“ zu den Kompositionen zu sagen gebe. „Technische Herausforderungen besitzen beide“, sagt sie. „Sowohl bei Bach als auch bei Reger kann man seine Intonation sowie eine differenzierte Bogenartikulation trainieren. Und beide Werke erfordern die Fähigkeit, musikalische Linien zu phrasieren, ohne dabei durch eine Klavierbegleitung unterstützt zu werden. Die Reger-Suiten haben aber einen weiteren Umfang: von der ersten Lage bis zur Daumenlage in den oberen Registern. Nur die sechste Bach-Suite hat einen vergleichbaren Tonumfang. Außerdem besitzen die Reger-Suiten mehr Doppelgriffpassagen als die Bach-Suiten.“

Nicht nur bei diesen Doppelgriffen, sondern auch in den chromatischen Linien sei eine gute Intonation gefragt. Herausfordernd seien außerdem die Erzeugung eines ansprechenden Tons, das heißt Vibratos, und die Lagenwechsel. Ein Cellist sollte also, wenn er sich an Reger heranwagen will, „auf einem niedrigeren Fortgeschrittenenlevel sein, und hierbei vertraut mit der Daumenlage und Tonleitern in Doppelgriffen (Terzen und Sexten)“.

Reger ist in den USA nicht übermäßig beliebt. Umso schöner, wenn man sich in der Neuen Welt trotzdem um ihm kümmert. „Die Komplexität anderer Werke von ihm mag nicht allzu hörerfreundlich sein“, meint Buranskas; für die sehr tonalen und zugänglichen Cellosuiten gelte dies jedoch nicht. „Ich habe die Arbeit an dem Projekt genossen, zum einen aufgrund der technischen Herausforderung, zum anderen wegen der ausdrucksstarken musikalischen Qualität von Regers Kompositionen.“

Max Reger (1873–1916):
Three Suites for Solo Cello, Op. 131c (1914)
Karen Buranskas, cello
Centaur Records (Klassik Center Kassel)
58:12 min.

Autor:

juliahartel

Freie Journalistin, PR-Texterin und Lektorin - www.die-textkomponistin.de

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