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Vier Rocker, ein Rock

Symphonieorchester, Streichquartette, Cello-Ensembles … – hatte ich alles schon. Was dann noch übrig bleibt für eine Cellistin? Na, ist doch klar: eine Band!

Ich gebe es ja zu: Die Konstellation ist herausfordernd – für beide Seiten. Das fängt schon bei der Kommunikation an. Ich muss erklären, was Kolophonium ist und wofür man es braucht. Dafür musste man mir erst mal klarmachen, dass der Begriff „Membran“ nicht automatisch was mit einer Trommel zu tun hat, sondern dass auch so ein Mikrophondings „Membran“ heißen kann. Und was zum Henker ist eigentlich ein „Powerchord“??

Außerdem schwierig: Diese ganze Technik um mich herum. Dauernd stolpert man über irgendwelche Kabel. Und dauernd brummt irgendwo was. Durchaus gewöhnungsbedürftig.

Andererseits kann ich mich kaum erinnern, wann ich jemals so musikalisch-kreativ sein, mich ausprobieren und vor allem dermaßen inspiriert aus Proben rausgehen konnte. Technik und kryptische Terminologie hin oder her – den Spaß mag ich nicht mehr missen. Und wenn ich auch manchmal eine Nervensäge bin („Ich werde noch mal wahnsinnig ohne gescheite Noten!!“): Auf den ganz besonderen Touch, den so ein Cello einer Band verleiht, sind sie schon stolz, die Männer! Aber jetzt mal der Reihe nach.

Wie alles anfing
Zusammengefunden haben wir uns letzten Sommer. In unserem Wohngebiet wurde ein Straßenfest geplant; unser Bandleader rief per Einladungsflyer alle interessierten, des Musizierens bzw. Singens fähigen Nachbarn dazu auf, gemeinsam eine Band auf die Beine zu stellen. Und erstaunlicherweise kam genau die richtige Besetzung zusammen: Schlagzeug, E-Bass, Gitarren, Klavier, einige Sängerinnen und Sänger und – ein Cello. Eine erfreulich musikalische Gegend, in der ich da wohne!

Passend zum Anlass spielten wir hauptsächlich Stimmungsmacher der Sorte „Sweet Home Alabama“. Mein Cello und ich kamen unter anderem bei dem Song mit exponierter – wenn auch nicht gerade anspruchsvoller – Cellostimme zum Einsatz: „Wonderwall“. Der Sound hätte vielleicht ein bisschen besser sein können, aber wir rockten die Spielstraßen und hatten mächtig Spaß! Es war sehr schnell klar, dass wir auf alle Fälle irgendwie weitermachen wollten.

Aber wie denn nun? Als Sommerparty-Schrammel-Band? Eher nicht. Wie viele wollen wir sein? So wenige wie möglich. Brauchen/wollen wir dann eigentlich das Cello überhaupt noch? Schließlich sind wir ja wohl ´ne Rockband, oder?! Oder doch nicht??

„Das Beste zum Schluss“
Mittlerweile ist die Marschrichtung klarer. Wir komponieren, texten und arrangieren eigene Lieder; stilistisch geht es in Richtung Rock, manchmal vielleicht auch Pop (oder ist es sowieso eine Mischung aus beidem? Was weiß ich. Wahrscheinlich passen wir gar nicht so richtig in irgendeine Schublade.).

Der Kern der Band besteht jetzt aus fünf Leuten: einem Drummer, einem Bassisten, einem Gitarristen, dem klavierspielenden und „bandleadenden“ Sänger und mir. Zusätzliches Personal holen wir uns gegebenenfalls dazu. Und, wie gesagt, was das Cello angeht, kommen inzwischen eher Kommentare wie: „Lassen wir das mal nicht zu früh im Lied einsetzen …“ (dann, nach kurzer Pause, beiseitegesprochen:) „Das Beste zum Schluss.“ Männliche Euphorie eben. Aber ich weiß ja, wie´s gemeint ist.

Natürlich passt das Cello nicht zu jedem Lied. Als „exotisches“ Element würde es, überall eingesetzt, ja auch an Reiz verlieren. Aber auch an den anderen Liedern kann ich mitwurschteln – singend, textend, meckernd.

Die wahrscheinlich größte Herausforderung stellt für mich das Improvisieren dar. Denn so entsteht ein Lied: Auf dem Klavier wird ein harmonisch-melodisches Grundgerüst erarbeitet und anschließend vertextet. Auf dieser Grundlage versucht dann jedes Instrument, seinen Part zu entwerfen. Was mich dabei am meisten wurmt, ist, dass ich oft eine passende Melodie im Kopf habe – doch setze ich mich dann ans Cello und will sie spielen, ist sie weg oder ich kann das in Gedanken Gehörte nicht umsetzen. Möge mir mein neuer, großer Block mit Notenpapier diesen Arbeitsschritt erleichtern! Sobald es mir nämlich gelingt, etwas, das ich im Ohr oder sogar schon einmal gespielt habe und das gut klang, auf Papier zu bannen, fühle ich mich schon wesentlich wohler.

Meist kommen dann von den Kollegen noch ein paar – mal mehr, mal weniger konkrete – Anregungen wie: „Spiel doch da eher hoch und später eher … tief!“, oder mir werden Melodien vorgesummt bzw. auf dem Klavier vorgespielt, die ich nachspiele, und irgendwann, nach einigem Herumprobieren, Feilen und Feintunen, ist die Stimme dann fertig. Mit den anderen Instrumenten wird genauso verfahren. Ein ziemlich anstrengender, aber eben auch schöpferischer, inspirierender Prozess!

Im Studio
Obwohl – das Anstrengendste kommt ja erst noch: das Aufnehmen! Im kleinen Privat-Tonstudio unseres Bandleaders werden nach und nach alle Parts eingespielt und irgendwie gemischt – böhmische Dörfer für mich. Dies soll zum einen die besagte Notenlosigkeit kompensieren (die Jungs verstehen unter „Noten“ ja schon die mit Akkorden versehenen Texte – tss …); zum anderen ist es unser Ziel, eine – möglichst professionell gestaltete – CD aufzunehmen.

Ja, und da sitzt man dann an seinem Instrument, auf dem Präsentierteller sozusagen, rumpelt dauernd mit den absurd großen Kopfhörern an den Cellohals, und die anderen sitzen um einen herum und warten, bis man den 78. Take vielleicht endlich mal fehlerlos hinkriegt. Wenn man Pech hat, hört man sich das Ganze eine Woche später noch mal an und findet das eigene Gedudel plötzlich unerträglich. Dann heißt es eben weiterfeilen. So lange, bis alles passt. Im Endeffekt der gleiche Perfektionismus, den man braucht, um sich klassische Stücke zu erarbeiten.

Alles in allem passen wir also doch ziemlich gut zusammen, die vier Rocker (wenn´s denn nun welche sind) und ich. Jedenfalls scheint im Moment keiner von uns auf diese Band-Kiste verzichten zu wollen. Und horizonterweiternd ist sie auch – und das nicht nur, weil ich jetzt endlich weiß, was ein Powerchord ist …

Autor:

juliahartel

Freie Journalistin, PR-Texterin und Lektorin - www.die-textkomponistin.de

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