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„Violaization“ – Aktive Bratschenquartette und ihre Repertoires

Streichquartette gibt es wie Sand im Sandkasten – was natürlich nicht abwertend gemeint ist. Trotzdem ist es vor diesem Hintergrund besonders spannend, sich Instrumental-Ensembles anzuschauen, die ungewöhnlichere Zusammensetzungen aufweisen. Ich bekomme den Tipp, mich nach Bratschenquartetten umzusehen.

Bei der Recherche kommen mir recht schnell ein paar provokative, jedoch unvermeidliche Fragen in den Sinn: Wozu bitteschön Bratschenquartette?! Sind Stücke für vier Bratschen – wenigstens auf die Dauer – nicht furchtbar öde? Schließlich hat man ja vier Mal die gleiche Klangfarbe und den gleichen Tonumfang zur Verfügung. (Diese Frage, so muss ich mir recht schnell eingestehen, würde mir bei einem Cello-Ensemble – und seien es zwölf Celli – nie kommen. Aber das hat wohl mit meiner unverhohlenen, uneingeschränkten Sympathie für dieses Instrument zu tun …)

Ich frage einen, der´s wissen muss: den Komponisten und Arrangeur Philipp Matthias Kaufmann, der schon einige Stücke für Bratschenquartett umgearbeitet hat. Er erklärt es mir so: „Ein Instrument verfügt über verschiedene relative Klangregister. Ein Bass kann hoch wirken, eine Geige tief. Das hängt immer davon ab, wie die jeweilige Spiellage des Instrumentes in Szene gesetzt wird. Dazu kommt, dass jedes Instrument sich auch jeder Rolle annähern kann. Jeder kann gesanglich spielen oder rhythmisch – da gibt es sehr viele Kombinationsmöglichkeiten. Jedes Instrument ist viele Instrumente. In einem Orchester werden sie natürlich oft ihrer offensichtlichsten Rolle gemäß eingesetzt: Flöten jubilieren, Bässe brummen, Pauken wirbeln, Trompeten schmettern – aber es geht eben auch anders. Und dadurch zeichnen sich die großen Komponisten und Instrumentatoren aus.“

Die Bratsche, so erläutert mir Kaufmann weiter, eigne sich deshalb gut für eine Mehrfachbesetzung, weil sie „über einen verhältnismäßig großen Tonumfang“ verfüge. „Die tiefste Saite (kleines c) liegt eine Quinte unter der Geige und hat durchaus einen kernigen, basstauglichen Charakter. Die höchste Saite (a‘) entspricht der zweithöchsten Saite der Geige und bietet durchaus genug Platz nach oben. So können also sehr unterschiedliche Klangregister bedient werden, was z. B. einen ausgewogenen vierstimmigen Satz ermöglicht.“

„Immer wieder ein Aha-Erlebnis“
Auch Uwe Gaffrontke vom „Berliner Violaquartett“, eigentlich ausgebildeter Geiger und bekennender „Lustbratscher“, kann mit dem Langeweile-Argument nichts anfangen. Gerade die Tatsache, dass vier gleiche Instrumente zusammen spielen, macht für ihn den Reiz des Bratschenquartetts aus. Er liebt die Tonlage der Viola; außerdem sei es, so meint er, „für die Leute immer ein ganz großes Aha-Erlebnis, wenn sie hören, was wir in dieser Besetzung von Alter Musik bis hin zu Tangos alles spielen können!“

Womit wir schon beim Repertoire wären. Dieses ist größer als man denkt. Die umfangreichste Repertoire-Liste mit einer stattlichen Anzahl von eigens für ihr Ensemble komponierten Werken schickt mir Alison Thomas, die Managerin des englischen Bratschenquartetts „Absolute Zero Viola Quartet“. Sie enthält Werke von unbekannteren Komponisten wie Simon Bainbridge, Benedikt Brydern, David Burndrett, Matthias Durst, Sancho Engaño, Ian Gammie und einigen mehr, Originalkompositionen für Violaquartett, denen man immer wieder begegnet (etwa das „Fantasy Quartet“ von York Bowen oder das „Nachtstück op. 34 für 4 Violen“ von Max von Weinzierl), darüber hinaus aber auch eine große Menge von Bearbeitungen.

Über ein weiteres Originalwerk, auf das ich aufmerksam werde, das „Nachtstück II op. 31a“, kann ich den Komponisten Xaver-Paul Thoma selbst befragen. „Der typische Sound der Viola kommt in der Mittellage am besten zur Geltung“, befindet er. „Da klingt sie weich und sonor; in der Höhe wird der Klang dünner. Entsprechend geht es in meiner Komposition teilweise schon hoch hinauf – bis zum c‘‘‘ –, aber das meiste spielt sich eben in dieser mittleren Lage ab.“

Wie ein „Nachtstück“ hört sich sein Quartett übrigens wirklich an – allerdings nicht unbedingt romantisch-anheimelnd wie Weinzierls gleichnamiges Werk, sondern vielmehr dunkel und unheimlich. Thoma experimentiert in dem rhythmisch komplexen Stück mit verschiedensten Klanggestaltungen wie vibratolosen ausgehaltenen Tönen oder am Steg zu spielendem piano. In Abwechslung mit einigen unvermittelten Ausbrüchen erinnern derlei Effekte an undefinierbare nächtliche Geräusche oder Erscheinungen – vielleicht auch Empfindungen –, und erzielen somit eine teilweise geradezu beklemmende Wirkung. Erst das Ende des Satzes wirkt friedlicher und fast etwas wehmütig.

„A viola quartet ist a brotherhood“
Was ich besonders interessant finde: In Thomas „Nachtstück“ gibt es keinen Stimmführer – alle Stimmen, erklärt er mir, sind gleichberechtigt. Für das „Absolute Zero Viola Quartet“ ist genau diese Chance auf Gleichberechtigung der große Vorteil des Bratschenquartetts gegenüber dem normalen Streichquartett: Es gebe hier keine erste Geige, die stets den Großteil der künstlerischen Verantwortung zu tragen habe, während der Rest sich langweilen müsse. Der Spielraum für einen gleichwertigen melodischen Dialog sei viel größer. „A conventional string quartet is a marriage“, heißt es pointiert auf der Homepage; „each player has to know his or her role, and the instruments must compliment each other. A viola quartet is a brotherhood; we are siblings, we bond like a family. It is very subtle.“ Auch wenn diese Zusammenfassung nicht unbedingt von einem allzu positiven Eheverständnis zeugen mag – der dahinterstehende Gedanke leuchtet ein!

Bearbeitungen für die Formation Bratschenquartett gibt es in Hülle und Fülle: von Alter Musik (z. B. John-Dowland-Songs) über Nummern aus Mozarts Zauberflöte und die Wagner-Parodien von Wolfgang Hinzpeter bis hin zu Tangos von Astor Piazolla. Ein Beispiel für ein Werk, das vom Komponisten selbst für Bratschenquartett umgearbeitet wurde, ist das „Finale (Einleitung und Allegro molto) für 4 Bratschen op. 36b“ aus dem Jahr 1997 von Bertold Hummel (die erste Fassung von 1968 entstand für vier Violinen oder Violinorchester).

Das „Absolute Zero Viola Quartet“ schreibt sich viele Arrangements selbst: „violaization“ nennen die Musiker es, wenn sie ein Stück, das ursprünglich für Klavier oder für Orchester komponiert wurde, für ihr Ensemble einrichten. „Die Viola (…) kann vieles, was das Klavier nicht kann: aushalten, crescendo, vibrato, glissando, (…) und mehr. Ein kunstvolles Arrangement wird Aspekte eines Klavierstückes offenbaren, die ihm eine völlig neue Dimension geben. Genauso beim Orchester: (…) Wenn man ein symphonisches Werk in ein Violaquartett destilliert, muss man diesem eine echte kammermusikalische Qualität geben: Es muss intim sein, solistisch, dialogisch, einfühlsam, dynamisch.“

Als Beispiel für eine Transkription, in der genau das gelungen ist, d. h. in der die melodietragende Funktion eben nicht einer Stimme vorbehalten ist, legt mir Uwe Gaffrontke Ichiro Nodairas Bearbeitung von Bachs „Chiaconna“ aus der Partita Nr. 2 (BWV 1004) ans Herz. Bach schrieb es für Violine solo. „Aber wenn man es von vier Bratschen gespielt hört“, meint Gaffrontke, „denkt man: ‚Eigentlich hat er das genau so gemeint!‘.“ Und tatsächlich klingt das Stück auch in dieser Version wie von einem Instrument gespielt: Die Mehrstimmigkeit wirkt nicht im Geringsten irritierend, und die harmonischen bzw. melodischen Abfolgen wandern „gerecht verteilt“ durch die vier Parts. Aber kann das immer funktionieren?

Zerlegt und neu zusammengesetzt
Bei der Bearbeitung der Rocknummer „Kashmir“ (Led Zeppelin), die Philipp Matthias Kaufmann für das leider inzwischen nicht mehr bestehende Bratschenquartett „Viola 4 U“ angefertigt hat, sieht es etwas anders aus. Er beschreibt mir seine Vorgehensweise so: „Ich habe mir die Rollenverteilung innerhalb der Band angeschaut: Bass, Drums, Gitarre, Gesang – jeder hat eine bestimmt Aufgabe. Bass und Drums bilden das Fundament aus Groove und harmoniebestimmender Grundlage. Die Gitarre bringt in diesem Stück ein sehr markantes rhythmisches Riff ins Spiel, das sich übrigens hervorragend für Streicher eignet. Die Melodie des Sängers wird einigermaßen originalgetreu für die höchste Ensemblestimme gesetzt. Also: die unteren Bratschen teilen sich Gitarren-Rhythmus und Drums-Funktion. Die höheren Spieler übernehmen dann weitere Harmonien und die Melodie. Was hier erleichternd hinzukommt, ist die Tatsache, dass bereits in der Originalversion klassische Orchesterinstrumente eingesetzt werden. Da konnte ich natürlich viele Anregungen holen. Fazit: Ich zerlege das Original in seine wichtigsten Bauteile (Bass, Rhythmus, Harmonie, Melodie) und suche in der jeweiligen anderen Besetzung nach Möglichkeiten, diese Aufgaben adäquat zu verteilen. Und dann wird der ganze Kram neu zusammengesetzt. Klingt ein wenig nach Lego oder der Holzabteilung im Baumarkt. Manchmal hat es auch etwas davon …“

Man sieht: Nicht in allen Stücken ist eine Gleichberechtigung möglich. Aber, und das ist ein weiterer entscheidender Vorteil des Bratschenquartetts: Bei vier gleichen Instrumenten kann man die Parts doch zumindest ab und zu tauschen. So wird es z. B. bei „Absolute Zero“ gehandhabt, denn, so meinen die Musiker, „it is fun to swap!“

Hier noch einmal eine Auflistung von derzeit aktiven Bratschenquartett-Ensembles in Deutschland:

Bayreuther Bratschenquartett (bestehend aus Mitgliedern des Bayreuther Festspielorchesters)
Matthias Worm
Ekkehard Fritzsch
Wolfgang Hinzpeter
Wolfgang Tluck

Berliner Violaquartett
Uwe Gaffrontke
Daniel Mögelin
Winnie Kübart
Stefano Macor
www.berliner-violaquartett.de

Die Staatsstreicher (bestehend aus Mitgliedern der Staatskapelle Berlin)
Volker Sprenger
Katrin Schneider
Wolfgang Hinzpeter
Boris Bardenhagen

Tertis Viola Ensemble (bestehend aus Mitgliedern der Bratschengruppe der Münchner Philharmoniker)
Konstantin Sellheim
Dirk Niewöhner
Burkhard Sigl
Julio Lopez
www.tertis-ensemble.de

Violissimo
Hideko Kobayashi
Fernando Bencomo
Yuria Uno
Kwang-Yong Eom
www.violissimo.com

England:

Absolute Zero Viola Quartet (bestehend aus Mitgliedern des BBC National Orchestra of Wales und des Welsh National Opera Orchestra)
Peter Taylor
Dominic Jewel
Ania Leadbeater
Ross Cohen
www.absoutezeroviola4.com

The Meantime Viola Quartet
Frances Barrett
David Lawes
Kathy Reed
David Brooker
Colin Green
www.meantimeviola.com

Konzerttermine deutscher Ensembles 2013:

– 10.08.2013, 18–21 Uhr, Gartenreich Dessau-Wörlitz: „Gartenreichsommer 2013“ – „Musikgenuss auf dem Wasser – Seekonzerte“, u. a. mit dem Berliner Violaquartett (www.gartenreich.com)

– 08.09.2013, 11 Uhr, Restaurant „Strandhütte“ (im Pfahlbau am Südstrand), St. Peter-Ording: „Wagner auf Eiderstedt – eine Spurensuche mit dem Bayreuther Bratschenquartett“ mit Ausschnitten aus (fast) allen Wagner-Opern sowie Werken von Verdi, Strauß und Mozart (Westküsten-Kammermusiktage St. Peter-Ording, www.westküsten-kammermusiktage.de)

– 14.11.2013, 19.30 Uhr, Palais Wittgenstein (Bilkerstraße 7), Düsseldorf: „Violissimo plus“ (gemeinsam mit Jacek Klimkiewicz, Violine)

CD-Einspielungen:

– Tertis Viola Ensemble: „Concerto – Fantasy – Blues“ (OhemsClassics)

– Absolute Zero Viola Quartet: „Easier than it sounds“ – The world´s first viola quartet album

Weitere Originalwerke für Bratschenquartett:

– Baur, Jürg: Fünf polyphone Miniaturen
– Dale, Benjamin: Divertimento
– Dinescu, Violeta: Ostrov I
– Erding-Swiridoff, Susanne: Rotor
– Kupkovič, Ladislav: Thema und Variationen
– Papini, Guido: Quartett für 4 Violen
– Rihm, Wolfgang: Canzona für 4 Violen

Autor:

juliahartel

Freie Journalistin, PR-Texterin und Lektorin - www.die-textkomponistin.de

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