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Wiedersehen mit Antonio: Vivaldis Cello-Sonate Nr. 3 in a-Moll

Vivaldi habe ich schon immer geliebt. Wenn ich seiner Musik zuhöre, fühlt es sich so an, als würde man mir die Gehirnwindungen durchpusten. Harmonisch grundsolide, melodisch klar strukturiert, alles durchsichtig, nachvollziehbar, folgerichtig. Dazu diese Melodien: duftig, anmutig, engelhaft zart, ätherisch schön (um mit ein paar Adjektiven um mich zu werfen). Barockmusik gleich Nähmaschinenmusik?! Ich habe dieses Vorurteil nie verstanden.

In meiner Schulzeit habe ich einige der Cellokonzerte und -sonaten von Vivaldi gespielt; mein Schott-Bändchen „Sechs Sonaten“ habe ich kürzlich wieder ausgegraben und übe nun zusammen mit einer langjährigen Freundin, einer überaus talentierten Hobby-Pianistin, aufs Neue die „Sonata III“ in a-Moll. Man trifft sich eben tatsächlich immer zweimal im Leben …

Dritter Satz: Largo
Um es gleich zu sagen: Mein Lieblingssatz ist der dritte Satz, also das zweite Largo. Das zweitaktige Motiv, mit dem er beginnt, und das den ganzen Satz beherrscht, klingt für mich nach musikgewordener Sehnsucht. (Hört sich kitschig an? Mir doch egal! Wer genau hinzuhören weiß, wird verstehen, was ich meine.) Die kleine Melodie strebt nach oben – und bricht ab. Dann das Echo, in etwas tieferer Lage – es verklingt auch. Als sie in Takt 5 zum dritten Mal auftaucht, wird sie nach unten geführt; ohne Pause schließt sich in Takt 7 ihr viertes Erscheinen an – hier hat sie, obwohl in Dur stehend, etwas von einem bewegten Aufseufzen –, bevor ab Takt 9 plötzlich alles versöhnter klingt: Wieder das Motiv, wiederum in Abwärtsbewegung, weiterhin in Dur; es wird in ein wenig Sechzehntel-Genudel weitergesponnen und mündet in eine satte Kadenz. Die Wiederholung, so die Anweisung, soll piano gespielt werden, was ich sehr wirkungsvoll finde. Man möchte das Ganze so gern noch einmal hören, muss nun aber noch genauer hinhören – der Genuss potenziert sich. Auch nach dem Wiederholungszeichen bleibt das Anfangsmotiv vorherrschend, wird ein paar Takte lang verarbeitet und führt wieder in eine Kadenz. Was dann in Takt 25 kommt, hat Gänsehautfaktor: Wir sind wieder in a-Moll; der Anfang des Satzes wird in variierter Form, nämlich in Triolenfiguren umgewandelt, und pianissimo, wieder aufgegriffen. (An dieser Stelle muss ich immer aufpassen: nur eine Ahnung von Rubato, sonst droht ein Abgleiten in die falsche Epoche! Aber ganz ohne geht´s definitiv auch nicht.) Das variierte Motiv wird beantwortet, dann folgt ab Takt 29 eine kräftige Schlusssequenz, die meiner Meinung nach forte gespielt werden sollte, auch wenn seltsamerweise nichts dasteht. Zum Glück wird dieser zweite Teil ebenfalls wiederholt. Übrigens: Die Striche, wie sie vom Herausgeber empfohlen werden, machen nicht alle Sinn. Vor allem die Bindung von der Viertel zur Achtel im Hauptmotiv ist unkomfortabel. Lieber nur die Triole auf einen Bogen und dann die Viertel und die beiden Achtelnoten hin und her gestrichen.

Erster Satz: Largo
Das erste Largo ist deutlich dramatischer im Charakter. Sein signalartiges, von punktierten Achteln geprägtes Anfangsmotiv wirkt wie ein tatsächliches „Thema“. Sehr reizvoll, wie es sich im Verlauf des Satzes mit Variationen oder Fortspinnungen seiner selbst im Piano abwechselt! Zwei Stellen sind es in diesem Satz, bei denen das Treffen Glückssache (naja, wahrscheinlich eher Übungssache) ist: Beide Male gis, einmal in Takt 4, einmal, eine Oktave höher, in Takt 33 (das Ausrufezeichen, das mir mein Lehrer damals danebengesetzt hat, gilt also noch ;-)).

Zweiter Satz: Allegro
Der zweite Satz, Allegro, ist das, was man wohl gemeinhin „virtuos“ nennt. Nicht nur, weil es den Interpreten im allgemeinen Achtel- und Sechzehntelwust sehr leicht zwirbeln kann, sondern auch wegen der vielen sehr großen Sprünge: Gleich in Takt 1 und 2, und auch im weiteren Verlauf immer wieder, geht es über vier Saiten! Glücklich, wer eine einfühlsame Begleitung hat (so wie ich), die an solchen Stellen unmerklich bremst, um den Solisten noch mitkommen zu lassen. Die knackigste Stelle ist die ab Takt 27: Erst die Synkopen, bei denen man aufpassen muss, nicht mit dem Bogen zu verhungern, dann die Sechzehntel in Takt 28 – fraglich, ob der empfohlene Fingersatz die beste Lösung für dieses Lagenwechsel-Problem darstellt –, und schließlich in Takt 29 und 30 nochmals die Herausforderung, jeweils genug Bogen für die übergebundenen Viertel zur Verfügung zu haben, da man doch immer nur drei Sechzehntel lang für den Aufstrich Zeit hat. Vor allem, wenn die ganze Passage im Forte erklingen soll. Ach ja, fast hätte ich´s unterschlagen: Die Terzen in Takt 46 haben es auch in bisschen in sich, zumal in diesem Tempo!

Vierter Satz: Allegro
Ähnlich anspruchsvoll der vierte Satz, ebenfalls Allegro. Jede Menge Ecken, an denen man sich die Finger verknoten, rhythmisch unpräzise werden oder mit der Intonation auf der Strecke bleiben kann – ohne alle potenziell gefährlichen Stellen nochmals im Detail auflisten zu wollen. Ich denke, das Geheimnis besteht darin, trotz der technischen Schwierigkeiten nicht die größeren melodischen Bögen aus den Augen zu verlieren. Denn die gibt es ja, und es lohnt sich, sie entsprechend zu gestalten, anstatt nur sämtliche Läufe möglichst fehlerfrei abzuspulen. Wenn man dies nämlich tut, wirkt die Sache seelenlos – und wir sind doch wieder bei der „Nähmaschinenmusik“.

Nun, ich bin gespannt, wann wir Antonios kleines Sonaten-Juwel zur Aufführungsreife gebracht haben werden. Es ist jedenfalls sehr schön, ihn nach so langer Zeit wiederzutreffen. Und wenn es diesmal wieder so gut mit uns klappt wie damals: Wer weiß – vielleicht wage ich mich dann ja auch mal an die „Sonata IV“. Die haben wir nämlich damals ausgelassen …

Autor:

juliahartel

Freie Journalistin, PR-Texterin und Lektorin - www.die-textkomponistin.de

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