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„Will wirklich keiner von euch Cello lernen?“

Manchmal hat ein winziger Moment Auswirkungen auf ein ganzes Leben. In meinem Fall war das der Moment, in dem ich mich Hals über Kopf fürs Cellospielen entschied.

Ich war sechs und ziemlich eindeutig musikalisch, weswegen meine Eltern mich an der Musikalischen Früherziehung in der Städtischen Musikschule meiner Heimatstadt teilnehmen ließen. Nach einiger Zeit sollte man ein Instrument wählen, das man erlernen wollte. Ich meldete mich für Klavier, wie die meisten Kinder in meiner Gruppe. Zur nächsten Unterrichtsstunde kam der Cellolehrer der Schule zu uns – niemand hatte sich für Cello entschieden, und er wollte noch einmal Werbung dafür machen. Er spielte uns ein bisschen vor, pries die Schönheit seines Instruments an, und als er schließlich, mit diesem leisen Anflug von Enttäuschung in den Augen, in die Runde fragte: „Und, will wirklich keiner von euch Cello lernen?“, konnte ich nicht anders. „Na gut“, piepste ich, und der neue, so vieles bestimmende Weg war eingeschlagen.

Eigentlich eine ziemlich unglamouröse Geschichte. Viel schicker ist es ja wohl, behaupten zu können, man sei seit frühester Kindheit dazu berufen gewesen, ein bestimmtes Instrument zu lernen. Nun, bei mir war´s anders. Aber ich habe die Entscheidung, obgleich wohl ein wenig Mitleid im Spiel war, trotzdem nie bereut.

Zugegeben: Die ersten Jahre bei besagtem Cellolehrer waren nicht immer ein Zuckerschlecken. Der gestrenge Herr mit der Stirnglatze erwies sich als extrem launisch, war einmal von ausgesuchter Freundlichkeit, dann wieder zum Davonlaufen knurrig, und bald hatte ich das Gefühl, der köstlich duftende Pfeifentabak, den er zu rauchen pflegte, sei das einzig konstant Sympathische an ihm. Vor jeder Unterrichtsstunde, in die ich mein niedliches halbes Cello schleppte, war mir irgendwie mulmig zumute. Wenn ich bei einem Vorspielnachmittag auftrat, war er noch angespannter als ich. Trotz alledem (oder gerade deshalb?) war ich fleißig, wurde auch von meinen Eltern – dankenswerterweise – zum Üben angehalten und arbeitete mich tapfer durch Dotzauer und Co. Als aber der Spaß nach zwei Jahren anfing, gegen Null zu gehen, sah sich meine Mutter nach einem neuen Lehrer für mich um.

Schluss mit der Feldmaus!
Wen sie fand, war der Musik- und Cellolehrer an dem musischen Gymnasium, das ich später besuchen sollte. Dieser war glücklicherweise immer freundlich, ein „alter Achtundsechziger“ mit einem großen „Bildung rauf, Rüstung runter“-Sticker auf dem Cellokasten und Freude am Unterrichten. Ich war mittlerweile in der dritten Klasse und auf dem Cello schon recht weit; leider ließ mein Spiel aber einiges an Selbstbewusstsein vermissen (Zitat meines Lehrers: „Das klingt ja wie eine Feldmaus, die den Aufstand probt!“). Als Gegenmaßnahme sollte ich zu Hause bei geschlossener Tür üben; meine Mutter sollte in das am weitesten von meinem entfernte Zimmer des Hauses gehen, dort ebenfalls die Tür schließen und das Radio einschalten. Wenn sie mich dann immer noch hören könne, sei die Lautstärke richtig. Ja, das war übertrieben, aber ich verstand, was gemeint war.

Was mir außerdem abtrainiert werden musste, war meine verkorkste Bogenhaltung und -führung. Mein erster Lehrer hatte mir beigebracht, den Bogen mit stark nach links geneigten Fingern zu greifen und ihn auf der Saite leicht anzukippen. Nun sollte ich lernen, die Finger gerade zu lassen und die Bogenhaare möglichst flächig aufzusetzen, hauptsächlich um mehr Ton zu erzeugen. Außerdem sollte ich den Bogen gerader führen, indem ich den Ellbogen durchstreckte, wenn ich zur Spitze kam. Auch das war leider neu für mich; ich musste mich beim Üben vor den Spiegel setzen, um mich selbst zu kontrollieren, weil sich das alles so „falsch“ anfühlte.

Aber es wurde immer besser und, was das Wichtigste war, der Spaß kehrte zurück. Ich liebte es, mit meinem Lehrer zusammen zu spielen, sogar wenn er mich – was nicht seine Stärke war – am Klavier begleitete. Etüden und Tonleitern gingen mir auf die Nerven, aber wie wir alle wissen, gehört das dazu. Ich verbrachte während meiner Gymnasialzeit viele, viele Stunden mit Musik: Da waren Orchester, Chor, Cello-Ensemble, Streichquartett, Klavierunterricht, der ganz normale Musikunterricht in der Klasse und natürlich das tägliche Üben zu Hause. Ich war nicht nur Julia – ich war „die Julia mit dem Cello“.

Noch eine wichtige Entscheidung
Eine nächste krisenhafte Phase hatte ich dann als Jugendliche; mein Lehrer hatte in Bezug auf meine Karriere doch einige Ambitionen entwickelt und wollte mich als Gastschülerin an der Musikhochschule München unterbringen. Ich allerdings hatte nicht nur keine Lust mehr auf strenge Dozenten; ich hatte vor allen Dingen ein Problem mit der Vorstellung, mein Leben fortan komplett auf das Cello auszurichten, indem ich letztlich bereits mit 14 meinen Berufsweg einschlug. Was sollte dann aus meinen anderen Interessen werden? Den Sprachen, dem Schreiben? Und überhaupt: Lampenfieber als Lebensprinzip?! Das fühlte sich nicht gut an.

Ich rang lange mit mir, ehe ich mich schließlich gegen München entschied, meine Gymnasiallaufbahn im Musik-Leistungskurs zu Ende brachte und später Germanistik und Musikwissenschaft studierte. Musikwissenschaft sozusagen als Kompromiss: Ich wollte nicht Musik studieren, mich jedoch unbedingt weiterhin mit Musik befassen, und das funktionierte gut. Das Cello blieb mein treuer Freund, mein Lieblingshobby – und so ist das bis heute.

Manchmal, wenn ich im Konzert eine Cellistin in meinem Alter auf der Bühne sehe, meldet sich ein kleiner, grüner Neid-Gnom in meinem Ohr: ‚Siehst du, das könntest du sein!!‘. Aber der soll die Klappe halten. Die Entscheidung war gut. Die Profi-Karriere war nicht mein Weg.

Und wie gesagt: Die Entscheidung, überhaupt mit dem Cellospielen anzufangen, war deutlich weniger überlegt (genau genommen war sie ein Schnellschuss), aber auch sie war gut. Beide waren gut. Und das nicht nur deshalb, weil es sonst diesen fabelhaften Blog nicht gäbe … 😉

Autor:

juliahartel

Freie Journalistin, PR-Texterin und Lektorin - www.die-textkomponistin.de

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